Trumps Fehde mit dem Senator

Trumps Fehde mit dem Senator

Sep 30, 2026

Wenn die Erinnerung an den Rechtsstaat als „Hochverrat“ gilt

Ein Vorstoß demokratischer US-Politiker bringt die Polarisierung in Washington auf die nächste Stufe: Weil Senator Mark Kelly Soldaten an die Verpflichtung erinnerte, rechtswidrige Befehle zu verweigern, droht ihm die Militärjustiz des Pentagons. Donald Trump fordert gar die Todesstrafe.

WASHINGTON. In den USA spitzt sich die Debatte um die politische Rolle des Militärs drastisch zu. Nach der Veröffentlichung eines kurzen Videos im November 2025, in dem mehrere demokratische Kongressabgeordnete Angehörige der US-Streitkräfte und Geheimdienste daran erinnerten, dass sie das Recht und die Pflicht haben, „rechtswidrige Befehle zu verweigern“1, hat die US-Regierung mit beispielloser Schärfe reagiert. Im Zentrum der Kontroverse steht Mark Kelly – ein hochdekorierter Senator aus Arizona, dessen Biografie ihn eigentlich gegen Angriffe auf seine Vaterlandsliebe immun machen sollte.

Die Auseinandersetzung festigte sich in mehreren Eskalationsstufen: Nach Trumps drastischen Äußerungen vom 20. November2 kündigte das Pentagon am 24. November 2025 eine Überprüfung an, ehe im Januar 2026 formelle disziplinarische Schritte eingeleitet wurden3. Das Verfahren zielt primär auf eine Überprüfung seines Ruhestandsdienstgrades (retirement grade determination) ab – eine Maßnahme, die zu einer Herabstufung des ehemaligen Kapitäns zur See (Captain) und einer Kürzung seiner Militärpension führen kann. Während die Drohung eines Kriegsgerichtsverfahrens (Court-Martial) als schärfste Option im Raum schwebte, konzentrierte sich das Ministerium vor allem auf diese verwaltungsrechtlichen Sanktionen. US-Präsident Donald Trump hatte den Abgeordneten zuvor auf Truth Social „aufrührerisches Verhalten“ (seditious behavior) vorgeworfen und hinzugefügt, dieses sei „mit dem TOD zu bestrafen“.

Kelly zeigte sich im Fernsehen unbeeindruckt: „Ich habe etwas gesagt, das ziemlich einfach und unkontrovers war: dass Angehörige des Militärs das Gesetz befolgen sollten“, betonte der Senator. „Ich werde mich nicht mundtot machen lassen. Ich werde mich nicht einschüchtern lassen.“

Vom Astronauten zum Zentristen im Senat

Dass die Auseinandersetzung ausgerechnet an Mark Kelly entbrennt, verleiht dem Fall eine besondere Brisanz. Für das deutsche Publikum bedarf die Person Kellys einer Einordnung: Er ist kein Parteischarfmacher vom linken Flügel der Demokraten. Kelly steuerte als Kampfpilot der US Navy Einsätze im Golfkrieg und flog später als NASA-Astronaut mehrmals mit dem Space Shuttle ins All4. Zudem ist er der Ehemann der ehemaligen Abgeordneten Gabby Giffords, die 2011 einen Attentatsversuch nur knapp überlebte.

Kelly vertritt den hart umkämpften Bundesstaat Arizona und gilt im US-Senat als pragmatischer Zentrist. Dass die Führung des Pentagons nun ausgerechnet gegen einen der angesehensten Veteranen im Kongress vorgeht, werten Beobachter als besorgniserregenden Präzedenzfall für das freie Mandat von Abgeordneten.

Der rechtliche Hintergrund: Article 92 UCMJ und die Gehorsamspflicht

Der Streit rührt an ein Grundprinzip moderner Streitkräfte, das dem deutschen Modell der „Inneren Führung“ und der Remonstrationspflicht in der Bundeswehr entspricht. Die zentrale rechtliche Grundlage im US-Militärstrafrecht ist Article 92 des Uniform Code of Military Justice (UCMJ)5. Dieser legt fest, dass Soldaten nur rechtmäßigen Befehlen Folge leisten müssen – also Anweisungen, die einen legitimen militärischen Zweck verfolgen. Die Verweigerung eines eindeutig illegalen Befehls ist für US-Soldaten nicht nur ein Recht, sondern eine ausdrückliche Pflicht.

Auslöser für das Video der Abgeordneten waren wiederholte Äußerungen Trumps, das Militär künftig verstärkt im Inneren einzusetzen, etwa gegen politische Demonstranten oder im Rahmen des historischen Insurrection Act (Aufstandsgesetzes)6. Die Demokraten wollten mit ihrem Appell ein Zeichen setzen und den Offizieren rechtlichen Rückhalt signalisieren.

US-Kriegsminister Pete Hegseth warf Kelly hingegen „rücksichtsloses Fehlverhalten“ (reckless misconduct) vor, welches die gute Ordnung und Disziplin der Streitkräfte untergrabe7.

Eine Auseinandersetzung um die Kontrolle der Macht

Der Konflikt verdeutlicht, wie tief der Riss durch die Institutionen der Supermacht verläuft. Während das Weiße Haus den Vorstoß der Parlamentarier als Versuch wertet, die Befehlskette des Oberbefehlshabers zu untergraben, sehen Kritiker in den Disziplinarmaßnahmen des Pentagons den Versuch, die parlamentarische Kontrolle über die Exekutive einzudämmen.

Kelly betonte, die Ermahnung zur Gesetzestreue gehöre zu den Kernaufgaben des Kongresses: „Wir wollten die Leute nur daran erinnern, dass sie das Gesetz einhalten müssen – und das ist die Antwort, die wir bekommen.“ Die Debatte darüber, wo die Loyalität eines US-Soldaten endet – bei seinem Präsidenten oder bei der Verfassung –, dürfte Washington noch lange beschäftigen.

Rechtsgrundlage

Article 92 UCMJ

Gefolgschaftspflicht: Verpflichtet Soldaten zum Gehorsam gegenüber rechtmäßigen Befehlen. Befehle sind nur dann rechtmäßig, wenn sie einen klaren militärischen Zweck erfüllen und nicht gegen US-Recht oder das Völkerrecht verstoßen. Die Befolgung offensichtlich illegaler Befehle ist strafbar.

Verwaltungsverfahren

Retirement Grade Determination

Ein Verfahren im US-Verteidigungsministerium, das prüft, ob ein Offizier im Ruhestand in seinem höchsten erreichten Dienstgrad verbleiben darf. Wird ihm Fehlverhalten attestiert, kann er rückwirkend degradiert werden – mit direkten finanziellen Abzügen bei der Pension.

Historisches Ausnahmerecht

Insurrection Act (1807)

Ein US-Bundesgesetz, das es dem Präsidenten erlaubt, Streitkräfte im Inland einzusetzen, um Aufstände niederzuschlagen oder Bundesrecht durchzusetzen. Es unterliegt strengen rechtlichen Hürden und wurde selten angewandt.

Endnoten

  1. Berichte über das Video, in dem Mark Kelly und fünf weitere Demokraten Militärangehörige daran erinnern, illegale Befehle zu verweigern. Quellen: swissinfo.ch, The Hill, Good Morning America. ↩ zurück

  2. Reuters-Bericht über Trumps Truth-Social-Posts vom 20. November 2025, in denen er „SEDITIOUS BEHAVIOR, punishable by DEATH!“ schreibt. ↩ zurück

  3. Berichte über die Einleitung des Verfahrens zur Überprüfung von Kellys Ruhestandsgrad (Januar 2026). Quellen: ORF.at, NBC News, The Hill. ↩ zurück

  4. C-SPAN-Archiv mit Details zu Kellys Navy-Karriere, seinen Einsätzen im Golfkrieg und seiner Zeit als NASA-Astronaut. ↩ zurück

  5. Erläuterungen zur Gehorsamspflicht und zur Pflicht, illegale Befehle zu verweigern. Quelle: stripes.com. ↩ zurück

  6. Hintergrund zum Insurrection Act und seiner Bedeutung. Quellen: Supreme Court Amici Brief, constitutioncenter.org. ↩ zurück

  7. Berichte über Hegseths Aussagen zum Vorwurf des „reckless misconduct“. Quellen: Telegraph India, The Hill, Axios. ↩ zurück

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