Ein Deal, der Fragen aufwirft:

Ein Deal, der Fragen aufwirft:

Oct 11, 2026

image


Warum die USA russischen Diesel kaufen – und was das für Europa bedeutet

Die USA haben Sanktionen gegen russischen Diesel ausgesetzt. Im Gegenzug liefert Moskau Hunderttausende Tonnen Treibstoff. Kritiker sehen darin eine Finanzspritze für Putins Kriegsmaschinerie – und einen gefährlichen Präzedenzfall für die Wirksamkeit westlicher Sanktionen.

Es ist eine Nachricht, die auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Wirtschaftsdeal klingt: Die USA kaufen russischen Diesel, um die eigenen Spritpreise zu senken. Doch der Teufel steckt im Detail – und die Details sind brisant.

Was genau vereinbart wurde

Anfang Oktober verkündete US-Präsident Donald Trump nach eigenen Angaben eine Vereinbarung mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Russland werde „umgehend“ mehr als 300.000 Tonnen Diesel in die USA und auf den Weltmarkt liefern, erklärte Trump. Im November sollten weitere 500.000 Tonnen folgen, danach eine Million weitere – und „abhängig vom Zustand seiner Dieselraffinerien“ sogar noch einmal drei Millionen Tonnen.

Ermöglicht wurde das durch einen bemerkenswerten Schritt: Das US-Finanzministerium setzte die Sanktionen gegen russische Dieselexporte aus – vorerst bis April 2027. Vor nur einem Monat hatte der US-Kongress ein Gesetz verabschiedet, das Trump weitreichende Befugnisse für neue Sanktionen gegen Russland gegeben hätte, gerade um russische Öl- und Gas-Exporte einzudämmen. Die Entscheidung geht in die genau entgegengesetzte Richtung.

Der eigentliche Grund: Innenpolitischer Druck

Warum dieser Schritt? Die Antwort liegt in der amerikanischen Innenpolitik. Wegen des Iran-Kriegs war der Dieselpreis in den USA auf einen Rekordwert von deutlich über 6 US-Dollar pro Gallone gestiegen – kurz vor den Kongresswahlen im November ein Problem für Trump und die Republikaner. Die Vereinbarung mit Putin soll die Preise senken.

Ob das gelingt, ist allerdings fraglich. Energieanalysten bezweifeln, dass die russischen Lieferungen den Preis spürbar senken. Sie könnten lediglich bestehende Lieferungen aus anderen Märkten umleiten, ohne das weltweite Angebot wirklich zu erhöhen.

Der brisante Hintergrund: Ein Öl-Deal mit Lukoil

Die Diesel-Vereinbarung steht nicht isoliert da. Sie ist Teil umfassenderer Verhandlungen zwischen Washington und Moskau, über die die New York Times Anfang Oktober berichtete.[1] Demnach diskutieren die US-Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner – die offiziell über ein Ende des Ukraine-Kriegs verhandeln – gleichzeitig einen milliardenschweren Öl-Deal mit dem russischen Energiekonzern Lukoil.

An diesem Geschäft sollen Investoren aus dem Nahen Osten beteiligt sein, die enge Verbindungen zu Trumps Umfeld haben. Dazu gehören Scheich Tahnoon bin Zayed Al Nahyan aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, dessen Fonds Anteile an Trumps Kryptofirma hält, sowie ein katarisches Konglomerat, das mit Kushner und Ivanka Trump ein Luxushotel in Albanien baut. Auch der amerikanische Investor Todd Boehly, ein Großspender von Trumps Inaugurationskomitee, soll beteiligt sein.

Die Historikerin und Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum sieht darin einen Interessenkonflikt von beispiellosem Ausmaß. In ihrem Substack-Newsletter schrieb sie: Selbst wenn kein Geld fließe und kein Deal zustande komme, gebe allein die Tatsache, dass Kushner und Witkoff darüber sprächen, Putin die Überzeugung, „weiter Kriegsverbrechen begehen, Zivilisten töten und niemals einen Preis zahlen zu können“.

Warum russische Raffinerien überhaupt Ersatzteile brauchen

Der Zeitpunkt des Deals ist kein Zufall. Russlands Raffinerien stehen unter Druck. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf russische Ölinfrastruktur massiv verstärkt. Im August wurden russische Raffinerien mindestens 22 Mal angegriffen – der höchste Monatswert seit Kriegsbeginn. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass Russlands Ölverarbeitung in den nächsten 18 Monaten um etwa 30 Prozent unter das Vorkriegsniveau fallen könnte.[2]

Besonders kritisch: Die Drohnenangriffe zielen zunehmend auf sekundäre Verarbeitungseinheiten, deren Ersatz sechs bis acht Monate dauern kann. Die internationalen Sanktionen gegen Russlands Energiesektor erschweren die Beschaffung von Ersatzteilen zusätzlich. Genau hier setzen die Spekulationen russischer Blogger an: Sie hoffen, dass ein US-Öl-Deal nicht nur Diesel-Geld bringt, sondern auch den Weg für dringend benötigte westliche Ersatzteile öffnet.

Sanktionsumgehung: Ein deutsches Problem

Dass Sanktionen umgangen werden können, ist kein russisches Propaganda-Narrativ. Es ist ein dokumentiertes Problem – und Deutschland spielt dabei eine unrühmliche Rolle.

Der ukrainische Militärgeheimdienst (DIU) hat die Wrackteile abgeschossener russischer Drohnen untersucht und 137 deutsche Bauteile identifiziert. Mehr als die Hälfte davon stammt aus Drohnen.[3] Der bayerische Chiphersteller Infineon Technologies steuerte 58 Teile bei, überwiegend Transistoren. In drei abgeschossenen Geran-2-Drohnen wurden zudem Kraftstoffpumpen der Rheinmetall-Tochter Pierburg gefunden.

Die Menge ist erheblich: Nach Schätzungen der Deutschen Welle könnte Russland allein für die Produktion der Geran-2-Drohnen im Jahr 2025 fast 500.000 deutsche Transistoren benötigt haben. Die Lieferwege führen über Drittstaaten wie Kasachstan und Kirgisistan oder über deutsche Briefkastenfirmen. Deutsche Hersteller beteuern, keine direkten Lieferungen nach Russland vorzunehmen, räumen aber ein, dass die Kontrolle des Weiterverkaufs ziviler Produkte „extrem schwierig“ sei.

Was für deutsche Bauteile längst Realität ist, könnte für amerikanische Ersatzteile drohen: eine schleichende Aushöhlung der Sanktionen, bei der offiziell niemand etwas liefert, inoffiziell aber die Lieferketten weiter funktionieren.

Europas Reaktion: Klare Kante

Die Europäische Union hat auf den US-Kurs mit ungewöhnlich deutlicher Kritik reagiert. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte: „Die Aussetzung der Sanktionen gegen russischen Diesel verschafft Moskau zusätzliche Einnahmen für die Kriegsführung. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, den Druck auf Russland zu verringern, und Europa wird dies auch nicht tun“.[4]

Kallas verwies auf die jüngsten russischen Angriffe: „Bei russischen Angriffen sind innerhalb von zwei Tagen mehr als 80 ukrainische Zivilisten getötet worden. Zugleich hat Russland seine hybriden Angriffe gegen Europa verstärkt – sowohl gegen EU-Mitgliedstaaten als auch gegen NATO-Verbündete“.

Die deutsche Bundesregierung stellte klar, dass sie die Sanktionen gegen Russland aufrechterhalten werde. Regierungssprecher Stefan Kornelius sagte, die Unterstützung für die Ukraine bleibe bestehen. Für den kommenden Montag plant die EU ein neues Sanktionspaket – mit Sanktionen gegen mehr als 1.500 Personen und Organisationen, so viele wie noch nie seit Kriegsbeginn.[5]

Was das für Deutschland bedeutet

Die Nachricht ist für deutsche Leserinnen und Leser in mehrfacher Hinsicht relevant.

Erstens zeigt sie, wie fragil das westliche Sanktionsregime ist. Deutschland und die EU halten an den Sanktionen fest – aber wenn der wichtigste Verbündete, die USA, sie untergräbt, wird der Druck auf Russland geschwächt.

Zweitens wird deutlich, dass Sanktionsumgehung kein abstraktes Problem ist. Deutsche Bauteile in russischen Drohnen, die ukrainische Städte angreifen, sind ein konkreter Skandal. Die Lieferketten sind komplex, die Kontrollen lückenhaft.

Drittens stellt sich die Frage nach Europas Handlungsfähigkeit. Wenn Washington sich zunehmend auf wirtschaftliche Deals mit Moskau einlässt, muss Europa eigene Wege finden, um seine Sicherheitsinteressen zu wahren. Die EU versucht das – mit neuen Sanktionen, klarer Rhetorik und dem Festhalten an der Unterstützung der Ukraine. Ob das ausreicht, ist offen.

Der Diesel-Deal ist mehr als eine Wirtschaftsnachricht. Er ist ein Symptom einer sich verschiebenden Weltordnung, in der alte Gewissheiten bröckeln und die Frage, wer eigentlich welche Interessen verfolgt, neu beantwortet werden muss.

Fußnoten

  1. New York Times, 3. Oktober 2026: Bericht über die Erweiterung der Ukraine-Verhandlungen um einen milliardenschweren Öl-Deal mit Lukoil und Investoren aus dem Nahen Osten. ↩

  2. Internationale Energieagentur (IEA), Schätzung vom September 2026: Rückgang der russischen Ölverarbeitung um etwa 30 Prozent unter das Vorkriegsniveau innerhalb von 18 Monaten. ↩

  3. Ukrainischer Militärgeheimdienst (DIU), Untersuchung von Wrackteilen abgeschossener russischer Drohnen, 2025. Identifiziert wurden 137 deutsche Bauteile, darunter 58 von Infineon Technologies und Kraftstoffpumpen von Pierburg (Rheinmetall). ↩

  4. Kaja Kallas, EU-Außenbeauftragte, Statement vom 2. Oktober 2026. ↩

  5. Europäische Kommission, geplantes 19. Sanktionspaket gegen Russland, Oktober 2026. Es umfasst Sanktionen gegen mehr als 1.500 Personen und Organisationen. ↩

Vous aimez cette publication ?

Achetez un café à Arnold Schiller

Plus de Arnold Schiller

ConfidentialitéConditionsSignaler