Die Stärke im Verletzlichen

Die Stärke im Verletzlichen

Apr 24, 2026

Wenn ich gefragt werde was meine Lieblingsarbeiten meiner Großmutter sind, ist das natürlich gar nicht so leicht zu beantworten. Die Stärke ihrer Kunst ist aus meiner Sichtweise insbesondere die Vielseitigkeit in den Techniken und behandelten Sujets.

Dennoch kristallisiert sich bei mir persönlich eine Tendenz heraus: Ich spüre eine starke Resonanz zu ihren emotional aufgeladenen, düsteren oder sogar augenscheinlich "hässlichen" oder provokanten Arbeiten.

Vor allem weil sie für mich ehrlich, roh und unangepasst wirken. Vermutlich auch, weil ich diese Eigenschaften von meiner Kunst kenne. Hinsichtlich meiner Kunst habe ich nämlich durchaus schon gehört "Das ist aber unheimlich" oder "Schön ist deine Kunst ja nicht gerade". Früher hat mich das enorm getriggert, heute weiß ich: Genau darin liegt meine Stärke und ein wichtiger Aspekt meiner Kunst.

Die Tuscheserie "Liebeswunsch"

Eine sehr interessante künstlerische Serie meiner Großmutter ist die um 1975 entstandene Tuscheserie mit dem Titel "Liebeswunsch". Hier zeigt die Künstlerin Szenerien, die beinahe wie Theaterkulissen wirken. Vogelwesen kämpfen miteinander, Frauenfiguren wälzen sich in einem Zustand zwischen Schmerz und Ekstase während surrealistisch-apokalyptisch wirkende Gebäude und Landschaften die Grundstimmung abbilden.

imageNeben der künstlerisch-technischen Qualität fasziniert mich insbesondere der Gefühlsausdruck der Arbeiten. Die Bilder muten sich zu, sind ungeschönt und ehrlich. Das Gefühl der Liebe ist eingefärbt von einer sehr persönlichen Gefühlsnote. Begierde und der Liebeswunsch ist spürbar und wird von inneren Konflikten und Anspannungen begleitet.

Die Bilder fragen nicht leise sondern sind laut. Wenn auch aus Verletzungen und Wunden heraus. Für mich wirken sie wie eine innere Landkarte um das Thema emotional zu erfassen und zu klären:

Wo stehe ich gerade in meinem Leben in Bezug zum Thema Liebe und liebevoller Beziehungen? Durch welche anderen Emotionen wird mein Gefühl der Liebe überlagert? Und warum?

Das Portrait als Kartografie der Seele

In einem Artikel wurde einmal über die Kunst von Gertraud Schön geschrieben:

Die Leinwand ist ihr Röntgenschirm für die Seele. Ihr Pinsel ist das Skalpell, mit dem sie den Körper aufschneidet, die Seele Gramm für Gramm zerteilt und untersucht.

Zwei ihrer Portraits finde ich hinsichtlich dieser Aussage besonders eindrücklich. Auch hier zeigt sich wieder das Ungeschönte, beinahe Groteske. Das Gesicht selbst wird zur Bühne. Hier darf sich in ihrer Kunst alles zeigen, was wir sonst im Alltag vielleicht noch wegzulächeln oder zu beschwichtigen versuchen.

imageFrustration, Trauer, Erschöpfung und sogar körperlicher Verfall und Todesnähe. Letzteres wird im Portrait "Mutter" sichtbar. Einer Kohlezeichnung, welche Traudls Mutter in ihrer letzten Lebensphase zeigt. Die Zeichnung sitzt. Sie lässt mehr an die Form eines Totenschädels als an die Form eines Gesichtes denken. Die Hände ans Gesicht gelegt, erinnert die Darstellung auch an Edvard Munchs "Der Schrei". In diesem Portrait ist es wenn dann ein stummer, innerer Schrei. Gleichzeitig wirkte es wie ein Moment der Erkenntnis.

Verletzlichkeit und Stärke

Als eine meiner Lieblingsarbeiten kann ich definitiv die Arbeit "Dead Indians" (2002) nennen. Der Korpus im Bild wirkt kräftig und brutal. Und besitzt gleichzeitig eine tiefe Verletzlichkeit. Vielleicht ist es auch ein letztes Aufbäumen oder eine eingefrorene Haltung der Präsenz.

Mich erinnert diese Arbeit ganz stark an eine eigene künstlerische Arbeit von mir und zwar "Lady Liberty" (2020). Interessanterweise steht mein Sujet auch in Verbindung zu amerikanischer Symbolik, wenn auch in einem anderen Kontext. Die Frauenfigur in meiner Collage wirkt stark und gleichzeitig erscheint sie nackt, beinahe gehäutet. Bis auf die Essenz entblößt macht sie sich dadurch verletzlich und im selben Moment wird sie erst dann wahrhaftig sichtbar für die Welt.

imageDas äußere Gewand bröckelt, fällt von ihr herab und macht ihren Formenreichtum sichtbar. Sie kehrt der etablierten Welt den Rücken zu und strahlt von innen. Ihre "Krone" ist wie ein innerer Stern, den sie wählt mit Stolz zu tragen. Ihr wahrhaftiges Wesen nicht länger zu verstecken macht sie frei.

Vielleicht ist die Arbeit "Lady Liberty" eine Art Fortsetzung der implizierten Aussage von "Dead Indians". Nach einem Sterbeprozess (wenn auch innerlich) besteht die Möglichkeit für eine Transformation mit anschließender "Neugeburt". Eine neue Phase des Sichtbarmachens innerer Stärke trotz oder gerade dadurch, dass wir uns verletzlich zeigen und Angriffsfläche bieten. In der Tatsache sich offenzulegen liegt ein unglaubliches befreiendes Potenzial.

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Verena Kandler

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