
Nationalratssaal 2025 © Sandro Scalco
Ein Blogbeitrag über demokratische Kontrolle, institutionelles Vertrauen und die Rolle der Blockchain-Technologie beim Sammeln von Willensbekundungen für Volksbegehren im Schweizer Kontext
Die fundamentalen Fragen der digitalen Demokratie
Was, wenn wir durch die Demokratisierung unseres Staates, einem System unsere Identität oder sogar unsere direkte Demokratie überlassen? Können wir einem solchen System vertrauen? Was bedeutet es, wenn wir nicht mehr der Person hinter dem Schalter auf der Einwohnerkontrolle vertrauen was sie mit unseren Heimatscheinen oder Wohnsitzbestätigungen macht, sondern das völlig autonom von einem System erfolgt und wir als Einzelperson wieder die Kontrolle über unsere Daten haben? Was, wenn unsere Wahlzettel in Zukunft elektronisch von einem System erfasst und ausgewertet werden und keine manuelle Stimmzettel Zählung mehr nötig ist?
Die Schweiz gilt als demokratisches Land, was die Mitbestimmung der Bürger:innen über Abstimmungen und Wahlen betrifft. Unsere Daten und Akten bei den Ämtern und Verwaltungen sind jedoch nicht in der Kontrolle der Bürger:innen. Die Institutionen haben die Kontrolle über die Daten und könnten diese einsehen, ergänzen, ändern oder sogar löschen, ohne dass wir die Übersicht darüber haben. Solche Fragen wie zu Beginn aufgeführt zeigen, dass für eine erfolgreiche Digitalisierung nicht nur neue Technologien nötig sind, oder ein disruptives Business Modell vorhanden sein muss. Auch die Kultur und somit der Mensch, spielt eine zentrale Rolle für eine erfolgreiche Digitalisierung. Ebenso muss die Gesetzgebung für neue Methoden und Anwendungen geschaffen werden, die eine Demokratisierung zulassen.
Eine Demokratisierung fordert die Eliminierung von zentral herrschenden Systemen. Sie soll über einen «Bottom-Up» Ansatz die Kontrolle, den einzelnen Nutzern zurückgeben (Vilmar, 1973). Die Blockchain Technologie bietet die Möglichkeit, zentrale Systeme abzuschaffen und die Macht der Daten an einzelne Peers zu geben. Damit wäre eine Demokratisierung der Daten mit einer technologischen Lösung theoretisch machbar. Das Vorhandensein einer Technologie alleine, ermöglicht jedoch noch keine Demokratisierung eines Staates und dessen Verwaltungsapparat.
Diese Fragen sind nicht trivial. Sie berühren den Kern unserer direkten Demokratie: Vertrauen in Institutionen versus technokratische Kontrolle. In meiner Zertifikatsarbeit von 2018 habe ich bereits untersucht, wie Blockchain-Technologie das Vertrauen in elektronische Identitäten demokratisieren kann.
Heute, sieben Jahre später, steht mit dem E-Collecting Pilotprojekt und dem Hackathon der Bundeskanzlei eine konkrete Umsetzung vor der Tür — und wir können zeigen, wie dieser «Bottom-Up» Ansatz in der Praxis funktionieren könnte.
E-Collecting: Demokratisierung des Vertrauens
Das Kernproblem
Beim Sammeln von Unterschriften für Volksbegehren gibt es ein fundamentales Spannungsfeld:
Anonymität: Niemand sollte nachvollziehen können, wer unterschrieben hat
Duplikat-Schutz: Jede Stimmberechtigte Person darf nur einmal unterschreiben
Transparenz: Alle Beteiligten sollen den Sammelstand einsehen können
Kontrolle: Bürger:innen sollen prüfen können, ob ihre Willensbekundung zählt
Das Nullifier-Konzept
Wie könnten die oben beschreibenen Probleme technologisch adressiert werden? In der Kryptographie gibt es eine elegante Lösung: Nullifier. Ein Nullifier ist ein anonymer, aber eindeutiger Identifikator, der aus der E-ID und der Initiative-ID generiert wird:
Nullifier = Hash(E-ID + Initiative-ID + Salt)Was bedeutet das konkret?
Bürger:in möchte ein Volksbegehren unterstützen und beantrag einen digitalen Stimmrechtsausweis für das Volkgebehren mit der swiyu E-ID bei der Gemeinde
Gmeinde System generiert einzigartigen Nullifier (z.B.
0x7f3a...)Die Gemeinde speichert Nullifier — ohne personenbezogene Daten auf der Blockchain.
Duplikat-Check: Gleicher Nullifier? → Bereits unterschrieben oder Stimmrechtsausweis schon einmal generiert, bspw bei einer anderen Gemeinde.
Anonymität gewahrt: Niemand kann Nullifier auf Person zurückführen
Selbst wenn die gesamte Blockchain öffentlich ist, bleibt die Anonymität erhalten. Aber Bürger:innen können selbst prüfen, ob ihre Unterschrift gezählt wurde!
Der Prozess fürs ausstellen eine SRA-VCs ist hier beschrieben:

Stimmrechtsausweis Flussdiagramm.md © 2025 by Digital Democracy Hub is licensed under CC BY-SA 4.0
Vertrauen durch Transparenz
Ohne öffentliche Blockchain müssten Bürger:innen vertrauen, dass:
Das Komitee sich an das Datenschutzgesetz hält
Die Gemeinde korrekt bescheinigt
Die Bundeskanzlei die Zahlen nicht manipuliert
Mit öffentlicher Blockchain:
Jede bescheinigte Unterschrift wird als kryptografischer Hash unveränderlich gespeichert
Niemand kann nachträglich Einträge ändern oder löschen — auch nicht die Betreiber
Jeder kann die Blockchain auditieren und Statistiken prüfen
Smart Contracts führen Regeln automatisch und transparent aus
Was wird on-chain gespeichert?
Wichtig: Es werden keine personenbezogenen Daten on-chain gespeichert!
Auf der Blockchain landen ausschliesslich folgede Daten:
File-Hash: Kryptografischer Fingerabdruck der Signature-Datei
Gemeinde-Signatur: Bestätigung der Gemeinde
Nullifier: Anonymer Identifikator (siehe oben)
Initiative-ID: Referenz zum Volksbegehren
Timestamp: Zeitpunkt der Bescheinigung
Kontrolle statt blindem Vertrauen
Bürger:innen als Kontrolleure
Das wirklich neue an diesem System: Bürger:innen müssen niemandem blind vertrauen. Sie können selbst kontrollieren!
1. Selbstverifizierung
Bürger:innen können mit den Angaben aus ihrem Stimmrechtsausweis-VC:
In einem Blockchain Explorer ihren Nullifier suchen
Verifizieren, dass ihre Unterschrift on-chain ist
Prüfen, dass der Timestamp stimmt
2. Komitees als Auditoren
Initiativkomitees können in Echtzeit den Sammelfortschritt überwachen:
Dashboard: Wie viele Unterschriften pro Gemeinde?
Trends: Wie schnell wird gesammelt?
Anomalien: Gibt es verdächtige Muster?
3. Medien und NGOs
Kritische Beobachter können den gesamten Prozess auditieren:
Blockchain scannen: Alle Signatures abrufen
Gemeinde-Signaturen prüfen: Sind die Zertifikate gültig?
Statistiken vergleichen: Stimmen die Zahlen überein?
Rückblick: Erkenntnisse aus der Zertifikatsarbeit 2018
In meiner Zertifikatsarbeit “Demokratisierung des Vertrauens” (2018) habe ich bereits untersucht, wie Blockchain-Technologie die elektronische Identität revolutionieren kann. Damals analysierte ich die eID+ Lösung von Schaffhausen und verglich sie mit dem Vorzeigebeispiel Estland.
Zentrale Erkenntnisse von 2018:
1. Technologie alleine genügt nicht
Eine erfolgreiche Digitalisierung befasst sich mit den folgenden drei Wirkungsfeldern: Technologie, Business, Kultur — wobei der Mensch im Zentrum ist.
Was bedeutet das für E-Collecting?
Technologie: Blockchain, E-ID, Kryptographie
Business: Prozesse, Kosten, Effizienz
Kultur: Vertrauen, Akzeptanz, digitale Kompetenz
2. Vertrauen ist mehrdimensional
Aus psychologischer Sicht ist Vertrauen:
Situationsbasiert: Vertrauen in den konkreten Prozess
Eigenschaftsbasiert: Vertrauen in die Akteure (Gemeinde, Komitee)
Identifikationsbasiert: Geteilte Werte und Normen
Blockchain adressiert alle drei Ebenen:
Situation: Kryptographische Garantien
Eigenschaft: Gemeinden bleiben souverän
Identifikation: Open Source, Transparenz
4. Erfolgsfaktoren für E-ID
Aus meiner Umfrage 2018 (114 Teilnehmer:innen) ergaben sich klare Erkenntnisse:

Auswertung Fragebogen, Frage 8

Auswertung Fragebogen, Frage 9
Interpretation: Die digitale Affinität ist hoch — aber Skepsis bleibt (20% lehnen Smartphone-Ausweis ab).
Konsequenz für E-Collecting:
Vertrauen muss aktiv erarbeitet werden
Privacy-by-Design ist essentiell
Open Source schafft Transparenz
Die Rolle der Institutionen: Gemeinden als Vertrauensanker
Warum bleiben Gemeinden zentral?
Trotz aller Technologie: Gemeinden bleiben der demokratische Anker.
Warum?
Lokales Wissen: Gemeinden kennen ihre Bürger:innen
Rechtssicherheit: Gesetzliche Grundlage (Art. 66 BPR)
Föderalismus: Keine Zentralisierung beim Bund
Vertrauen: Jahrhundertelange Tradition
Unser Ansatz: Gemeinden werden technologisch unterstützt, aber nicht ersetzt!
Secure Signing Appliance: Gemeinden als Zertifizierungsstellen
Jede Gemeinde kann ein Hardware-Security-Modul (HSM) betreiben:
Gemeinde erhält Signatur-Datei vom Komitee (sedex/Email/Upload)
Mitarbeiter:in prüft Stimmberechtigung (4-Augen-Prinzip)
HSM signiert Datei mit privatem Schlüssel
Smart Contract speichert Hash on-chain
Nullifier wird als “verwendet” markiert
Komitees als Sammler
Initiativkomitees können selbst entscheiden, wie sie sammeln:
Option 1: Eigener Verifier
Komitee betreibt Generic Verifier (Open Source)
Sammelt Unterschriften unabhängig
Reicht Batches bei Gemeinden ein
Option 2: Staatlicher Verifier
Kanton/Bund betreibt zentrale Infrastruktur
Komitee nutzt Shared Service
Niedrige Einstiegshürde
Vorteil: Modulare Architektur — jeder wählt sein Modell!
Demokratie verdient Transparenz
Drei zentrale Thesen prägen diese Überlegung. Erstens: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Demokratie funktioniert nicht durch blindes Vertrauen in Institutionen, sondern durch überprüfbare Prozesse. Blockchain ermöglicht genau das: Trust, but verify. Zweitens: Technologie muss Demokratie dienen, nicht umgekehrt. Wir dürfen nicht in die Technokratie-Falle tappen. Technik ist Mittel, nicht Zweck. Menschen bleiben im Zentrum, nicht Algorithmen. Drittens: Föderalismus und Dezentralisierung sind kompatibel. Die Schweiz ist föderal. Blockchain ist dezentral. Das passt perfekt zusammen! Gemeinden behalten Souveränität, aber profitieren von Transparenz.
Warum das wichtig ist: In Zeiten von Desinformation wie Fake News, Polarisierung durch Populismus und Vertrauensverlust aufgrund der Institutionenkrise brauchen wir Systeme, die nicht auf Glauben basieren, sondern auf mathematischen Beweisen. E-Collecting ist ein Schritt in diese Richtung.
Quellenverzeichnis:
Scalco, S. (2018). Demokratisierung des Vertrauens. Zertifikatsarbeit im CAS Digital Masterclass
Vilmar, F. (1973). Strategien der Demokratisierung / 2. Modelle und Kämpfe der Praxis. Luchterhand.
