Ihr Name in Blut (Westwood - Teil 2)

Ihr Name in Blut (Westwood - Teil 2)

Mar 06, 2025

„Wir können ihr nicht alles erzählen, Mom.“

Kim stand mit dem Ohr an die weiße Zimmertür gepresst im Gästezimmer ihres Elternhauses. In den letzten Tagen hatte sie zwar bei den Mahlzeiten Kontakt zu ihrer „Mutter“ gehabt, doch Lydia suchte sie nicht mehr auf und Kim war es recht so. Das beklemmende Gefühl, wenn Lydia in der Nähe war, tat ihr nicht gut. Ihr Magen verkrampfte. Ihre Gedanken rasten, fast so schnell wie ihr Puls, und ihre Beine spannten sich an, als würde sie jeden Moment aufspringen und losrennen müssen.

Und dann war da Tim. Ihr „Bruder“.

Der ihr nicht alles erzählen wollte.

Was hatte er zu verbergen?

„Sie wird es eh irgendwann erfahren, Tim“, sagte Lydia. Kim hielt die Luft an, damit sie die dumpfen Stimmen im Flur besser hören konnte. Fast nur ein Flüstern. Auf keinen Fall wollten die beiden belauscht werden. „Spätestens, wenn ihre Erinnerung zurückkommt, wird sie es wissen.“

„Die Ärzte sagen, die kommt nicht zurück. Das ist nicht mehr unsere Kim, Mom.“

„Tim!“ Ein scharfes Flüstern. Drohend. Flehend. „Das ist Kim. Sie wird wieder die Kim sein, die wir verloren haben. Die wir zehn Jahre nicht mehr gesehen haben. Das lass ich mir von dir nicht zerreden.“

Kim fühlte das kalte Metall der Türklinke an ihrer Hand. Mechanisch, unterbewusst, hatte sie die Hand aufgelegt, wollte auf den Flur gehen, die beiden zur Rede stellen. Dann hörte sie Schritte.

Weg von ihr.

Sie sind weggegangen, damit ich nicht belauschen kann, was sie sagen.

Leise drückte sie die Klinke nach unten und spähte auf den Gang. Genau in dem Moment sah sie Tim – und er sah sie.

Sie entschied sich blitzartig und riss die Tür auf.

„Hey, Kim“, sagte er. Fröhlich und locker, doch seine Augen verrieten seine Abscheu und das Misstrauen. Unruhig zupfte er an seinem Sweatshirt, als wäre es ihm unwohl, sich mit seiner Schwester unterhalten zu müssen. Er räusperte sich. Immer ein Anzeichen von unangenehmer Konversation.

„Wie geht’s dir? Kann ich dir bei irgendwas helfen?“

Sie schüttelte nur ruckartig den Kopf und blieb unentschlossen im Flur stehen. Tim schaute sie an. Seine Augenbrauen zogen sich nach oben. Fragend. Argwöhnisch.

„Geht’s dir gut?“

„Was denkst du wohl?“, fragte sie, aggressiver als nötig. „Ich bin in einem Haus voller Leute, die ich nicht kenne und die mich nicht hier haben wollen! Was denkst du, wie’s mir geht?“

Die angestaute Wut über das ständige Tuscheln, die argwöhnischen Blicke, die vorgetäuschte Freude, wenn doch ihre Gesichter etwas komplett Anderes sagten – das alles entlud sich blitzartig in zwei Sätzen.

Tim verschwamm für eine Sekunde. Sie taumelte, sah das besorgte Gesicht vor sich – was selbstverständlich nur aufgesetzt war, falsch, eine Maske. Dann verschwand der Schwindelanfall. Sein Gesicht war wieder normal – argwöhnisch und misstrauisch.

„Leg dich besser wieder hin“, sagte er.

Besorgt? Verängstigt? Belustigt?

Ihre Gedanken rasten. Er war von Anfang an nicht so offen zu ihr gewesen – und hatte auch keine Offenheit vorgetäuscht, wie es Lydia tat. Trotzdem folgte sie seinem Rat, wenn auch nur, um mit ihren Gedanken allein zu sein.

An der Tür klingelte es.

„Ich schau mal nach, wer das ist“, sagte er, nachdem er ihr noch fast bis ans Bett gefolgt war, dann da stand, als würde er ihr etwas erzählen wollen. Es aber doch nicht tat…

Kalter Zigarettenrauch waberte durch das offene Zimmerfenster. Kim fröstelte und ließ sich auf die weiche Matratze ihres Queen-Size-Betts fallen.

Plötzlich ein Bild im Kopf: Lederpolster, dunkles Holz, eine Männerstimme, tief und ruhig.

„Ashcroft“, hörte sie die Stimme zärtlich, fast liebenswürdig, sagen. „Wir werden noch häufiger in solchen Situationen sein, meine Liebste. Gewöhn dich schon mal dran.“

Kims Hände verkrampften sich um eine Tischkante. Sie hörte eine Tür zuschlagen – doch es war nicht die ihres Zimmers…

Sie blinzelte.

„Beruhigen Sie sich, Ms. Westwood.“

Vor ihr stand eine Frau, die eben noch nicht da gewesen war. Woher kam sie?

Kim wollte aufspringen, doch starke Hände lagen auf ihrer Schulter und drückten sie zurück auf den kalten Stuhl.

„Bleiben Sie bitte sitzen und beruhigen Sie sich.“

„Vielleicht ein Beruhigungsmittel?“, fragte eine Männerstimme hinter ihr.

Gehören die Hände zu ihr? Wo bin ich? Wer sind diese Menschen?

Die Frau vor ihr schüttelte den Kopf.

„Das würde alles nur schlimmer machen. Wir brauchen sie bei klarem Verstand.“

Kim atmete tief durch. Versuchte, ihre Nerven zu beruhigen. Schaute sich um.

Sie war in einem Raum, den sie als Verhörraum bezeichnet hätte, wenn sie bei der Polizei wäre. Aber... sie hatte doch gerade eben noch in ihrem Bett gelegen... Wie soll sie hierhergekommen sein?

Die Frau vor ihr wandte sich an sie.

„Ich bin mir sicher, Sie haben keine Ahnung wer ich bin und wo Sie sind, richtig?“, sagte sie mit wütendem Blick. Ihr Ton war streng, aber nicht unhöflich.

Kim schüttelte den Kopf. Zu mehr war sie nicht in der Lage. Zehn Jahre hatte sie schon verloren. Jetzt war sie wieder in Gefangenschaft. Zumindest glaubte sie das.

„Ms. Westwood, mein Name ist Eleanor Gresham. Ich bin Detective Sergeant beim New Scotland Yard und ermittle in einem Mordfall.“

„Mord?“ Ein leises Krächzen verließ Kims Mund.

„Kennen Sie Victor Ashcroft?“

***

DS Eleanor Gresham nahm einen tiefen Zug von ihrer frisch angezündeten Zigarette und schaute sich um.

Klischeehaft.

Ein verlassenes Lagerhaus stand vor ihr. Sie war fast schon enttäuscht, dass man hier eine Leiche gefunden hatte.

Es sind immer Lagerhäuser. Wenn ich sowas in einem Krimi sehen würde, schalte ich ab.

Sie seufzte, ließ die Asche ihrer Zigaretten auf den Boden fallen und betrachtete das verfallende Gebäude. Es schien zwar schon Queen Victoria miterlebt zu haben, aber die Regierungen seit Thatcher hatte es nicht mehr überlebt. Seit dem Niedergang des produzierenden Gewerbes und dem Fokus auf den Finanzsektor waren Gebäude mit solcher Geschichte in London nicht zu gebrauchen.

Es sei denn, irgendein Milliardär wollte mit seinem Geld einen neuen, überteuerten Wohnkomplex aufbauen lassen.

Sie hauchte den letzten Zug ihrer Zigarette aus und schnippte ihn in die große Pfütze neben ihr. Das Wasser wellte sich nur minimal, was das Spiegelbild des Lagerhauses wirken ließ, als würde man es durch die Augen eines Betrunkenen betrachten. Dann ging Eleanor auf das Absperrband zu, hob es hoch, meldete sich an und betrat den Fundort des Toten.

„Wen haben wir?“, fragte sie den Constable, der sie im Tatortbuch vermerkt hatte.

„Victor Ashcroft.“

„Scheiße, echt jetzt?“

Der Constable schaute sie verwundert an.

„Ja, definitiv Victor Ashcroft, der Milliardär.“

„Der bekommt meine überhöhten Darlehenszahlungen!“

Eleanor runzelte die Stirn und schürzte die Lippen. Ashcroft war der Besitzer mehrerer Immobilienkomplexe in London und bekannt dafür, Miet- und Hauspreise in der Stadt immer weiter in die Höhe zu treiben.

Aus dem Mundwinkel flüsterte sie dem Constable zu: „Hat er seine Brieftasche dabei?“

Der Constable schaute ins Tatortbuch.

„Ja, alles vorhanden. War also kein Raubmord.“

Eleanor schnaufte aus und schüttelte enttäuscht den Kopf. „Der Witz ging geradewegs über ihren Kopf hinweg, Constable.“

„Was meinen Sie?“

„Milliardär. Brieftasche. Meine überhöhten Darlehenszahlungen.“ Sie machte eine kreisende Bewegung mit der Hand, als würde sie das Hirn das Constables ankurbeln wollen. „Verstehen Sie?“

Keine Reaktion.

„Ach, egal. Wo liegt er?“

„Gleich links hinter dem Eingangstor.“

„Danke. Ich verspreche, dass ich mein Darlehen nicht von seinem Geld bezahlen werde…“

Sie war bereits ein paar Schritte vom Constable entfernt, als der plötzlich auflachte.

Jetzt hat er’s.

Sie schwang die Hand nach oben für ein anerkennendes Winken, drehte sich jedoch nicht noch einmal um.

Ashcroft lag in unnatürlicher Haltung rücklings in einer Blutlache. Die bereits anwesende Spurensicherung hatte schon mehrere Schildchen aufgestellt, um Beweise zu fotografieren und dann sichern zu lassen. Eleanor trat näher an den Toten.

„Tja, jetzt hilft dir meine Extrazahlung letzten Monat trotzdem nicht weiter.“

„Vermutlich Schädeltrauma.“

Eleanor wandte sich um und sah Dr. Roch auf sich zukommen. Der Gerichtsmediziner sah ihr nicht in die Augen, sondern ließ den Blick auf der Leiche verweilen.

„Vom Zustand her würde ich schätzen – 12 Stunden. Lässt sich aber erst sagen, wenn ich ihn mir genauer angeschaut hab.“

Ihr Blick fiel auf eine Kette neben dem Schild mit der Nummer 3. Sie ging zum Fund und sah ihn sich genauer an. Es war ein Namensanhänger.

Und darauf ein Name, den sie erst neulich in jeder Zeitung gelesen hatte.

„Kim Westwood?“

„Die gerade in aller Munde ist, ja. Hat mich auch verwundert.“

Eleanor presste die Augen zusammen.

Was zur Hölle verbindet einen Londoner Immobilienmilliardär mit einem Mädchen, das zehn Jahre lang spurlos verschwunden war?


Dir hat diese Story gefallen? Dann lass mir doch gern eine kleine Spende da oder teile die Geschichte mit deinen thrillerbegeisterten Freund*innen!

Vielen Dank! <3

Ich warte bereits auf dich in den dunklen Schatten der nächsten Story...

Ti piace questo post?

Offri un schwarzen tee a Daniel Borowitzki

Altro da Daniel Borowitzki