Ein brutaler Schmerz schießt mir durch den Kopf. Es fühlt sich an, als würde mein Hirn gegen den Schädel drücken und versuchen, sich seinen Weg ins Freie zu bahnen. Als würde es Platz brauchen, den es innerhalb meines Kopfes nicht mehr hätte.
Wenigstens nehme ich noch etwas wahr, weiß also, dass ich lebe. Aber…
Wo bin ich?
Ich blinzele. Grelles Licht schießt mir in die Iris und macht mich wieder halbblind. Ein Stöhnen entweicht mir. Dann höre ich das Summen.
Neonröhren.
Über mir.
Meine Arme fühlen sich schwer an und ich versuche, sie zu bewegen - klack.
Handschellen.
Warum?
Meine Augen gewöhnen sich an das gleißende Licht. Vor mir erkenne ich einen Tisch, glatt und kühl unter meinen Armen. Die metallene Vorrichtung, an der die Handschellen angebracht sind, lässt mir keine Hoffnung auf Flucht. Ich schaue mich um.
Die Wände sind kahl bis auf eine.
Daran – ein Spiegel.
Aber ich sitze zu tief.
Mein eigener Atem dröhnt mir in den Ohren. Viel zu laut.
Ich kenne diesen Ort nicht.
Warum bin ich hier?
Die Tür hinter mir öffnet sich. Ich drehe mich nicht um.
Ein Stuhl wird zurückgezogen. Direkt neben mir. Ein Mann in Uniform setzt sich darauf und legt ein Foto vor mich hin.
Darauf…
Ich.
Blutverschmiert.
Mit einer Schaufel in der Hand.
Und dann kommt die Frage, die meine Situation komplett verändert.
„Wo ist die Leiche?“
Was? Welche Leiche?
Ich schaue den Polizisten an, sage nichts. Was soll ich auch sagen? Ich weiß nicht einmal, wo ich gerade bin oder was ich zuletzt getan habe.
„Wo ist die Leiche?“, wiederholt er.
„Welche Leiche?“, frage ich.
Der Beamte steht auf und geht zurück zur Tür, wo ein Kollege ihn zu beobachten scheint. Ein Rascheln. Dann wirft er eine Akte auf den Tisch.
Viel zu dünn.
Der Beamte nimmt den Schlüssel der Handschellen von seinem Gürtel und lässt sie vor mir hin und her schwingen.
„Ein bisschen mehr Freiheit?“
Ich nicke.
„Wo ist die Leiche?“
„Ich… ich weiß es nicht.“
Der Kollege des Beamten tritt vor und spricht mit ihm.
„In den Akten ist wirklich wenig zu finden, Dennis. Die Handschellen sind nicht rechtens ohne stichhaltige Beweise. Das weißt du.“
Dennis wirft seinem Kollegen einen Blick zu. Genervt, aber einsichtig. Dann befreit er meine Hände.
„Sie wurden bei einem Wald gesehen“, sagt er zu mir. „Ein Zeuge hat uns verständigt und wir haben Sie gefunden. Bewusstlos, aber blutverschmiert mit einer Schaufel in der Hand. Das Foto hier lag neben Ihnen. Ein Selfie.“
Ich schaue auf meine befreiten Hände und bemerke das Blut an den Handflächen. Meine Kleidung – tatsächlich blutverschmiert. Ich will aufstehen, doch als ich mich bewege, greift Dennis‘ Kollege sofort zu seinem Gürtel und sagt nur: „Ganz ruhig. Wir werden herausfinden, was passiert ist. Tun Sie nichts, was Sie bereuen werden.“
Ein kurzer Blick in den Spiegel ist alles, was ich möchte. Und ich bekomme ihn.
Auch mein Gesicht – blutverschmiert.
„Das kann nicht sein“, sage ich, mehr zu mir selbst als zu den Polizisten im Raum.
„Was kann nicht sein?“, fragt Dennis‘ Kollege.
Bin ich in Gefahr? Oder bin ich die Gefahr?
Als ich nicht antworte, werfen mir die beiden Beamten einen nachdenklichen Blick zu und scheinen dann einer Meinung zu sein. Die Handschellen bleiben an Dennis‘ Gürtel.
„Wir holen den Arzt“, sagt Dennis‘ Kollege. „Sie müssen versorgt werden. Vielleicht wissen Sie danach mehr.“
Die beiden verlassen den Raum und lassen die Tür angelehnt.
Bin ich keine Gefahr? Oder warum hatten sie die Tür offengelassen?
Meine innere Stimme ruft mir zu.
Lauf! Bevor sie wieder kommen!
Aber warum?
Lauf!
Langsam stehe ich auf und gehe zur Tür. Draußen stehen Dennis und sein Kollege und unterhalten sich.
„Irgendetwas ist da faul. Wir haben keine Identität feststellen können. Nichts im Systen… als ob er nie existiert hätte.“
Mir geht ein flaues Gefühl durch den Magen.
“Als ob er nie existiert hätte…“
Die Beamten verlassen die Tür, gehen nach rechts.
LAUF!
Meine innere Stimme schreit verzweifelt nach Freiheit, Flucht, Überleben.
Und ich?
Ich laufe.
Durch die Verhörraumtür nach links in die andere Richtung. Weg von den Beamten. Weg von diesem Raum.
Niemand taucht auf dem Weg vor mir auf. Kein einziger Beamter ist hier.
Als wäre diese Station überhaupt nicht besetzt…
Ich gehe durch den Reviereingang. Dunkelheit. Es ist mitten in der Nacht. Freiheit. Die kühle Luft geht mir durch die Nase in die Lunge wie ein erfrischender Atemzug nach einem Tauchgang.
Aber mein Puls beruhigt sich nicht.
LAUF!, ruft meine innere Stimme. Lauf! Lauf! Lauf!
Ich muss hier weg. Aber wohin?
Als ich ziellos – als ob sich darin etwas finden würde, was mir mehr über mich selbst erzählt - meine Taschen durchsuche, stoße ich auf einen Zettel mit einer Adresse darauf.
Ich erkenne sie wieder. Ich war schon einmal dort. Nur weiß ich nicht mehr, was ich dort gemacht habe.
Dorthin!, ruft meine innere Stimme. Dorthin! Dorthin Dorthin!
Also laufe ich „dorthin“.
Eine Straße nach der nächsten, einen durch mein Äußeres verängstigten Passanten nach dem anderen lasse ich hinter mir, bis ich schließlich die Adresse erreiche.
In der Haustür ein Schatten.
Ein Mann. Er scheint auf mich zu warten.
Vorsichtig nähere ich mich der Tür. Der Mann bekommt klarere Umrisse. Seine dunklen Augen leuchten vor Freude, ein ruhiges Lächeln umspielt seine Lippen. Als ich nur wenige Meter von ihm entfernt bin, breitet er seine Arme aus.
„Du bist wieder da. Ich hatte schon Angst, dass du dich erinnerst.“
Abrupt bleibe ich stehen. In meinem Kopf leuchten verschwommene Erinnerungen auf.
Die Erde an meinen Händen, kaltes Metall an meiner Schläfe, eine Stimme – seine Stimme – die mir begierig zuraunt.
„Grabe.“
Dann ein Schrei. Blut, das mir ins Gesicht spritzt, eine Frau, die nach vorn in ein Loch kippt.
Mein Körper zittert. Der Puls steigt. Die Übelkeit kommt zurück.
Der Mann kommt langsam auf mich zu.
„Du erinnerst dich“, sagt er und legt einen Arm um mich. Sanft. Fast zärtlich. Wie ein Vater, der seinen lang verschollenen Sohn wieder zurück im Elternhaus begrüßt.
„Du hast es schon gegraben“, fährt er fort. „Und obwohl ich dich gehen lassen habe, willst du es doch. Du willst dasselbe Schicksal erleiden, oder?“
Ich schüttele den Kopf. Sein Griff wird fester, bedrohlicher.
Und auf einmal wird es mir klar.
Ich war nie ein Mörder. Natürlich nicht.
Ich war das Opfer.
Eines von vielen.
„Ich habe dir die Chance gegeben“, sagt der Mann und führt mich an seinem Haus vorbei in einen versteckten Teil seines Hinterhofs.
„Schade, dass du es nicht vergessen hast.“
Er bleibt stehen. Sein Griff so fest an meinem Arm, dass es wehtat.
Kaltes Metall an meinem Hinterkopf.
Vor mir das Loch.
Darin – niemand.
Mehr.
Oder noch nicht wieder…
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Vielen Dank! <3
Ich warte bereits auf dich in den dunklen Schatten der nächsten Story...
