Margit & Elnatan

Margit & Elnatan

Jun 13, 2026

Eine Flash-Fiction-Geschichte in 12 Kapiteln

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Der Blumenstrauß verwelkte in schalem Wasser. Neun Euro neunzig waren einfach zu teuer. Margit saß an ihrer Kasse. Es war 19:54 Uhr. Die künstliche Hüfte schmerzte. Sie würde die Blumen mit nach Hause nehmen. Selbst eine welke Blüte war eine Zier in Margits Leben.

Auch Elnatan humpelte. Er hatte die Blumen unter Schmerzen geschnitten. Nachts träumte er vom Mittelmeer. Vieles würde sich bald ändern.

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Der Mann redete in einer Sprache, die Elnatan nicht verstand. Er hatte dem Schlepper eintausend Dollar überreicht. Die Ersparnisse seiner Eltern. Elnatan hatte sie in einem Strumpf aufbewahrt, den er hinter seinem Verschlag vergraben hatte. Der Mann grinste. Er zeigte auf ein graues Schlauchboot.

Margit stellte die Blume in eine Vase. Die Luft in ihrer Wohnung war kalt. In der Dunkelheit betrachtete sie die Blüte. Straßenlicht fiel durchs Fenster herein. Das musste reichen.

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Der Wasserkocher röchelte. Tee war Margits letzte Freude. Plötzlich – ein stechender Schmerz durchfuhr ihre Hüfte. Im Krankenhaus stellte die Ärztin eine Verbrennung zweiten Grades fest.

Das Boot schwappte dahin. Über dem Wellenkamm erkannte Elnatan ein Licht. Er betrat Land. Nur die Füße waren nass.

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Im Lager, sagten sie, gäbe es kein Entkommen. Aber man könne die Rückführung hinauszögern. Gewisse Leute nähmen gewisse Dienste in Anspruch. Eine Ordensschwester nahm Elnatan in ihre Obhut. »Weißt du, wo Deutschland liegt?«, sagte sie in perfektem Englisch.

Piotr schob Margit in den Ruhegarten des Krankenhauses. Büsche und Sträucher welkten im Nebel, Blätter schwebten lautlos zu Boden. Der Novembertag war feucht und kalt. Piotrs Hand wärmte ihren bandagierten Arm.

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Margit humpelte. Der Aldi-Markt lag etwas außerhalb, eine Unterkunft gleich gegenüber. »Ausländer«, hatte Piotr geraunt.

Elnatan hauchte gegen die Scheibe des Wohncontainers. Er vermisste die Sonne. Vermisste die Wärme. Vermisste Sabine, die Ordensschwester. Er vermisste Addis Abeba. Gelangweilt malte er eine Blume an die Scheibe.

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Der Brandsatz flog um 20:07 Uhr über den Zaun. Nur ein Container blieb unversehrt. Draußen kam es zu einer Rangelei. Niemand verletzte sich ernsthaft. Schon seit Wochen überdeckten die inneren Wunden jeden Schmerz. Elnatan war sofort hinausgelaufen. Jetzt stand er neben einer Frau. Die Kassiererin, wie er wusste.

»Wie ist dein Name?«, sagte Margit. »Ach, lass ihn doch. Er versteht dich nicht«, behauptete Piotr.

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»Was weißt du denn?«, sagte Margit. Piotr zog ohne sie los. Margit würde ihn nie wiedersehen.

»Elnatan«, sagte er. Er hatte diesen Satz schon einmal gehört. Die Frau wollte seinen Namen wissen. »Elnatan? Das klingt schön«, sagte sie. »Kommst du mit? Daheim habe ich ein Sofa.«

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In der Wohnung roch es seltsam. Alt und verbraucht und abgestanden. Eine bunte Häkeldecke wärmte Elnatan. Das Sofa fühlte sich weich an, auch wenn es durchgesessen war.

Margit entschwand in die Küche. »Ich mache dir einen Kakao«, sagte sie.

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Die Tasse dampfte heiß. Elnatan? Seltsamer Name für einen jungen Mann, dachte Margit. Er ist beinahe noch ein Kind. Zweige wiegten im Licht der Straßenlaterne. Ob er wohl lächelt? Margit erhob sich.

Elnatan schmeckte den Kakao. Das Getränk fühlte sich wunderbar an. Süß und warm und cremig. Eine braune Flüssigkeit, wie er jetzt erkannte. Margit hatte das Licht angeschaltet. Eine verwelkte Blume stand auf dem Fernseher. Sie erinnerte Elnatan an sein Zuhause.

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Kaltweißes Licht fiel von draußen durch die Jalousie. Elnatan schloss die Augen. Er träumte von der goldenen Sonne Äthiopiens. Morgen würde er wohlbehütet aufwachen. Zum ersten Mal seit einiger Zeit. Er stand auf und entdeckte Margit. Sie lag auf einem Feldbett, wie Elnatan wusste. Sie schnarchte nicht, atmete nicht einmal. Sie lag einfach nur da. Ihr Arm war bandagiert.

Margit spürte den Jungen. »Bist du schon wach?«, sagte sie und schlug die Augen auf. Elnatan stand vor ihr. Er wollte sich bedanken, Margit erkannte es ganz genau. Aber er wusste nicht, womit. Er schaute sich um und griff nach der Blume. Ein Lächeln auf seinem Gesicht.

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Das Flugzeug hob pünktlich ab. Der Flug würde lange dauern. Elnatan öffnete das Gepäckfach und zog eine Tasche hervor. Mehr besaß er nicht. Er setzte sich hin und tastete in ihrem Inneren. »Aufgeregt?«, schmunzelte der Mann neben ihm.

Schließlich fand er den Strumpf. Elnatan packte die Tasche zurück und ließ sich erleichtert in den Sitz fallen. Eintausend Euro waren genug für ein neues Leben.

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Er hielt die alte Blüte in seiner Hand. Die Sonne ging hinter einem Hügel unter. Noch immer waren ihre Strahlen heiß, selbst an diesem Abend. Langsam hob Elnatan seinen Arm und ließ los. Der Wind trug die Blume davon. So hatte es sich Margit gewünscht.

Elnatan lächelte. Er vermisste Deutschland nicht. Er betrat das Krankenhaus und zog sich um. Menschen würden in dieser Nacht seine Hilfe benötigen.

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love is the answer. © 2026 Michael Berglundt

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