MOND 731 – Kapitel 1

MOND 731 – Kapitel 1

Aug 04, 2025

Malek hatte nicht zu viel versprochen. Der Laden roch nach Schweiß und Sex, die Beats knallten mit hundertvierzig direkt in ihr Gehör, und wenn sie nur noch eine von diesen Pillen bekäme … Ihre zweite … Und vielleicht noch einen Drink … Neve würde umgehend mit Malek im Tunnel of Love verschwinden. Sie würde Malek bei der Hand nehmen und auf eben jenen Gang zu den Toiletten zerren, den sie hier als »Liebestunnel« bezeichneten. Dorthin, wo es schon die anderen trieben. Malek und Neve würden sich zu ihnen gesellen. Nicht heimlich, nicht unbemerkt, sondern ganz augenfällig.

Neve würde sich lässig an die Wand stellen, ein Bein anwinkeln, ihren Arm um Maleks Kopf schlingen und seinen Mund ganz nahe an den ihren bringen. Und dann würden sie sich küssen. Erst vorsichtig, wie zwei frisch Verliebte, dann zärtlich und verspielt, schließlich euphorisch und verlangend. Und dann (endlich!) würde Neve vorsichtig mit der anderen Hand vorantastend über seine Brust streichen. Seine starke, breite Brust. Dann hoffentlich schweißgeperlt vor Hitze und Erregung. Und Malek? Er würde ihr Top nach oben schieben. Ganz wenig nur, aber ausreichend, dass er ihre Haut berührte. Erst die Rippen, dann ihre Brustwarzen. Danach das Piercing in ihren Nabel und von dort nach unten. Ganz langsam. Weiter, würde sie flüstern, weiter herab! Malek würde sie berühren. Malek würde sie küssen. Malek würde sie lieben. Als gäbe es keinen Morgen. Als wären sie ganz allein in diesem Tunnel of Love. Und endlich würde sie die Welt um sich herum vergessen.

Neve öffnete die Augen und grinste. Sie spürte, dass sie ganz feucht geworden war, aber das spielte keine Rolle. Sie schwitzte am ganzen Körper. So wie alle hier drinnen. Alle tanzten, alle schwitzten, einige bereits ohne Oberteil. Dabei hatte die Party gerade erst begonnen. Malek hatte wirklich nicht zu viel versprochen. Eine Party, hier draußen im Out­scarce, im Black Pipe, einem illegalen Joy Club, das war etwas anderes als bei ihnen in der Gatetown.

Wobei der Club natürlich nicht illegal war. Verboten war er nur für Neve, die hier draußen nichts verloren hatte. Im Outscarce gab es, wenn es denn stimmte, nur eine Handvoll Gesetze zu beachten, und die waren auch mehr als Regeln zu betrachten. Nicht als etwas Offizielles, so wie es früher einmal gewesen sein mochte. Aber davon wusste sie nichts. Wie auch? Neve war zum allerersten Mal hier draußen, jenseits der Kuppeln, jenseits der Mauern der New Hague Gatetown. Und es war genauso, wie Neve es sich vorgestellt hatte: arm und verdreckt, ruchlos und wild, gefährlich und aufregend. Nichts für ein kleines Mädchen, das wohlbehütet in einer Gated Community aufgewachsen war.

Aber ein kleines Mädchen war sie längst nicht mehr, und dass Neve aus der Gatetown kam, würde schon keiner merken. Neve hatte tatsächlich mehrere Stunden darauf verwandt, ihr Äußeres derart anzupassen, dass niemand auf die Idee kam, dass sie eine »Gated« war – eine Eingesperrte.

Ohnehin beachtete sie kaum jemand. Sie alle tanzten, so wie auch Neve und Malek, waren weggetreten vom Skip, das hier draußen viel stärker war als die lächerlichen Bonbons, die sie auf dem Campus vertickten. Hier schien jeder einfach nur zu feiern – sich und das verfickte Leben. Was hatten sie denn sonst, außer dem Jetzt? Außer den Pillen und der Musik? Worin konnte man hier überhaupt sein Glück finden? Worin, außer im Feiern?

Und das taten sie. Draußen im Flur vor den Toiletten – dem Tunnel of Love. Neve und Malek wären nicht die Einzigen, die es dort trieben. Irgendwie schien dort die Post abzugehen, und als Neve vorhin vom Klo gekommen war, hatte sie sich inspirieren lassen. Warum auch nicht? So etwas wie hier würde sie so schnell nicht wieder erleben.

Neve schloss wieder ihre Augen und tanzte ekstatisch weiter. Sie schüttelte ihr Haar, das sich längst gelöst hatte und wild durch die Luft flog. Schweißtropfen segelten hinterher. Die DJane hatte die Beats nach oben geschraubt, alles dampfte, alle jubelten, und Neve würde noch diesen einen Tanz durchziehen, bis sie nicht mehr konnte. Danach an die Bar, zwei Neon Mojitos bestellen, einen für sie, einen für Malek, und dann würde sie die zweite Pille schlucken.

Nach zehn Minuten hatte Neve ihren Plan in die Tat umgesetzt und stand jetzt auf einem bühnenartigen Podest mit Blick auf die Tanzfläche. Die Tanzenden waren eine wilde Meute, ein riesiger Mob, niemand stach daraus hervor. Ein einziger, drogengeschwängerter Organismus. Neve griff in ihre Hosentasche, wickelte das Skip aus der Folie und schmiss es ein. Malek würde sich schon wieder anfinden.

Nach weiteren zehn Minuten verließ sie den Tanzraum und folgte den Stufen hinab zu den Klos. Ein langer, düsterer Gang entspann sich vor Neve. Graffiti leuchteten im Schwarzlicht, verdeckt von den Pärchen, die dort rummachten. Neve schlängelte sich an ihnen vorbei. Vielleicht war Malek schon vorausgegangen. Vielleicht hatte er noch eine andere aufgegabelt. Oder einen anderen. Malek war in dieser Hinsicht nicht sehr wählerisch, und genau das gefiel Neve an ihm. Genau das machte ihn so … (Anders?) Neve spürte ein warmes Kribbeln zwischen ihren Beinen und konnte es kaum noch erwarten. Schnell diese eine Nummer, direkt hier auf dem Gang, unter all den anderen, die an die Wände gelehnt standen. Eng umschlungen knutschten sie. Einige Mädels hatten ein Bein oder sogar beide um ihren Kerl oder ihre Frau gelegt. Ihre Röcke waren ihnen bis zu den Hüften gerutscht, doch das konnte Neve in diesem Licht mehr erahnen als erkennen.

Mist, beim nächsten Mal ziehe ich mir auch einen Mini an, schoss es Neve durch den Kopf. So musste sie ihren Plan durchziehen. Erst knutschen und dann ab nach Hause. Ohnehin knallte die Tablette jetzt derart rein, dass sie sich fragte, ob Malek und sie nicht gleich den Heimweg antreten sollten. Aber dazu musste Neve erst einmal Malek ausfindig machen, was bei dieser Dunkelheit eine echte Aufgabe war.

Neve torkelte und tastete und entschuldigte sich bei den Liebespaaren, die sie unterbrochen hatte. (Oh Mann, was für ein Teufelszeug.) Der dritte Mojito wäre eigentlich nicht nötig gewesen.

Mittlerweile hatte sie auch Maleks Drink herunter­gestürzt, und so langsam fragte sie sich, wie sie ohne Malek nach Hause kommen sollte. Von dem war nach wie vor nichts zu sehen. (Hm, vielleicht gabele ich mir auch ’nen anderen Typen auf?) Neve verspürte ein weiteres Kribbeln. Das allerdings kam aus der Magengegend. Scheiße! Das Zeug hier draußen war etwas anderes als das auf dem Campus.

»Neve? Neve! Neeeeve!«

Malek hatte sie endlich gefunden, doch seiner Stimme nach zu urteilen, war auch ihm die Lust auf eine schnelle Nummer vergangen.

»Malek? Da bist du ja.« Neve kicherte und lallte wie ein Teenager auf dem Abschlussball. »Ich wollte dir … das hier noch zeigen und dann …« Neve flüsterte in Maleks Ohr und schmiegte sich an. Mit der Hand fuhr sie in Maleks Schritt und ließ sie dort ruhen. »Dann wollte ich dich glücklich machen, aber …« Neve hickste. »Aber jetzt is’ mir … schlecht. Brauch erst mal frische Luft.«

Malek nahm ihre Hand und entfernte sie von seinem Schritt.

»Schon gut. Ich bring dich nach draußen. Wir müssen sowieso los. Notfall. Dieser Junge hier braucht deine Hilfe.«

Neve kniff die Augen zusammen und drehte den Kopf. Stimmt, da stand wer neben Malek. Ein Junge, viel zu klein für diesen Laden. Aber hier draußen herrschten andere Sitten, und ohnehin war ihr jetzt viel zu schlecht, um sich weiter darüber zu wundern, was ein Junge seines Alters in einem Joy Club machte.

Malek nahm sie bei der Hand und zog sie hinter sich her, hinaus aus diesem Flur. Wieder treppauf, zurück in den Tanzraum. Die Lichter blitzten, die Beats waren noch lauter, wilder und schneller als zuvor, und der Bass wummerte unmittelbar in Neves Magen. (Nich’ gut, gar nich’ gut …) Neve spürte, dass sie zu würgen begann. Sie löste sich von Maleks Hand, preschte an den Türstehern vorbei in die Kälte und schaffte es gerade noch weit genug, um nicht den Wartenden auf die Schuhe zu kotzen.

Neve hechtete über die Straße, ein E-Cart hupte und wich ihr gerade noch aus, und dann, mit einem Sprung, beugte sie sich über das Geländer einer Treppe, die ins Souterrain führte, und erbrach den Inhalt ihres Magens auf die Stufen.

Viel war es nicht.

Minuten später stand Neve im Nebel, rauchte eine Vape und fror. Malek war noch einmal im Club verschwunden und holte ihre Jacke. Neve unterhielt sich mit dem Jungen. Jetzt wieder halbwegs nüchtern.

»Aber ich bin keine Medic. Nicht mal eine angehende. Also ruf lieber einen Arzt. Ich kann dir nicht helfen.«

Neve studierte Kryonik an der Universität von New Hague. Das Regelstudium sah eine Reihe von Medics-Vorlesungen vor, die Neve auch absolviert hatte. Aber das machte sie immer noch nicht zu einer Ärztin.

»Nicht Arzt holen«, sagte der Junge. »Kein Precious. Habe kein Precious.«

Malek kam zurück und warf Neve die Jacke über.

»Wieder nüchtern?«

»Ja«, sagte sie nur. Kurz darauf: »Mein Kopf brummt. Habe keine Lust mehr aufs Outscarce. Kälte und Dreck. So’n Scheiß! Lass uns los, Malek. Ab nach Hause. Vielleicht läuft ja noch ’ne Party. Zur Not gehen wir zu mir.«

»Nein. Erst müssen wir dem Jungen helfen. Ich habe es ihm versprochen.«

»Malek, bitte … Mein Kopf.« Theatralisch fasste sich Neve an die Schläfe. Dabei war das allenfalls ein beginnender Kopfschmerz.

»Wenn du nicht aufpasst, endest du wie deine Mutter.«

Malek betrachtete sie kritisch. Er wusste, dass Neve dieses Thema ganz und gar unangenehm war. Allzu häufig hatte Malek erlebt, dass Neve dann schnell zum nächsten Thema sprang. Insofern war der Junge eine willkommene Ablenkung.

»Also gut, ich werde sehen, was ich für den Jungen tun kann.«

»Nicht er. Seiner Schwester geht es nicht gut. Sie braucht deine Hilfe. Wir müssen dem kleinen Kerl nur folgen.« Malek nickte dem Jungen zu. Dann, an den Jungen gewandt: »Also gut, Jasp. Wir kommen mit, wir helfen dir. Aber nur dieses eine Mal. Ist nicht gut, wenn man uns bei euch erwischt.«

»Kein Precious. Habe kein Precious«, wiederholte der Junge und setzte sich in Bewegung. Seine Miene hatte sich spürbar aufgehellt.

Malek und Neve folgten dem Jungen wortlos. Es ging durch Häuserschluchten und verdreckte Straßen. Eine Müllabfuhr war hier draußen unbekannt. Überall roch es nach Dreck und Urin, selbst bei dieser Kälte. Der Asphalt war aufgerissen, der Bürgersteig nicht mehr passierbar. Zu viel Unrat hatte sich mit der Zeit aufgetürmt. Zu viel Ballast, um den sich niemand mehr kümmerte. So ging es einige Hundert Meter weit. Vorbei an defekten Straßenlaternen, die windschief im kalten Dunst wippten. Die meisten Lichter an den Kreuzungen waren defekt, und die wenigen, die noch funktionierten, blinkten resigniert vor sich hin.

An. Aus. An. Aus. An. Aus …

Neve war heilfroh, als der Junge endlich in einen Häusereingang abbog.

»Wo sind wir hier?«, sagte sie.

»Midtown. Oder das, was einmal Midtown war.«

Maleks Stimme klang, als wäre ihm das Ganze nicht geheuer. Aber hey, es war seine Idee gewesen, also würde schon alles okay sein. Neve würde sich anschauen, worum der Junge sie gebeten hatte, und dann ab nach Hause. Sie brauchte eine warme Dusche und ein noch wärmeres Bett – zum Schlafen. Ausschließlich zum Schlafen. Die Lust auf richtig guten Sex war ihr vergangen, und Malek würde es irgendwie schon verstehen.

Sie folgten dem Jungen treppauf in einen Gang, der so eine Art Promenade war. Darüber folgten fünfzig bis sechzig Etagen Hochhaus. Genau konnte Neve das nicht einschätzen. In der Gatetown von New Hague, wo Neve einhundert Prozent ihres bisherigen Lebens verbracht hatte, gab es keine Hochhäuser. Selbst zwei oder drei Stockwerke waren dort ungewöhnlich und nur den öffentlichen Gebäuden vorbehalten: Rathaus, Bibliothek, Universität.

Die Promenade war das Zerrbild des Flurs im Black Pipe. Es war finster, kühl und beunruhigend. Schlecht beleuchtet. Irgendwo weit hinten flackerte eine kaltweiße Neonröhre von der Decke und tauchte den Gang in gespenstisches Licht. Überall standen Leute herum und warfen lange Schatten. Ihre Gesichter waren nicht zu erkennen. Und es waren auch keine Pärchen, sondern Gangs aus dem Outscarce. Zumindest stellte sich Neve diese finsteren Gesellen genauso vor wie jene Typen, die hier abhingen. »Willste Skip?«, wurde sie nicht nur einmal gefragt. Darüber hinaus wurden Neve und Malek von den Skippern in Ruhe gelassen. Keiner trat an sie heran, keiner belästigte sie. Der Junge namens Jasp schien hier bekannt zu sein, und Neve wurde schnell klar, dass Jasp bei sich zu haben, so eine Art Lebensversicherung war. Geh nicht im Outscarce spielen, hatte Meredith, ihre Mutter, sie immer gewarnt. Damals, als Neve noch ein Kind gewesen war, und diese Zeit war noch gar nicht lange her. Langsam begriff Neve, warum ihre Mutter das gesagt hatte.

Sie passierten einige Skipper, auch hier stank es nach Urin, und als Jasp nach einigen Metern in ein Treppenhaus einbog, war Neve aufrichtig erleichtert.

»Was ist das hier?«, flüsterte sie Malek zu.

»Ein Wohnblock. Was denn sonst?«

Malek klang, als ob dieses Hochhaus für ihn die normalste Sache der Welt wäre. Neve war klar, dass Malek anders war, deswegen war er ja so faszinierend. Malek war das, was man auf dem Campus als Einzelgänger bezeichnete. Er gehörte keiner Lerngruppe an, tauchte nur sporadisch auf und verließ die meisten Vorlesungen grundsätzlich dann, wenn es begann, langweilig zu werden. Das konnte kurz vor dem Ende sein, mittendrin oder sogar fünf Minuten nach Beginn. Malek schien zu wissen, wie er seine Zeit verbringen wollte, und langweilige Vorlesungen standen offenbar nicht auf seinem Programm.

»Kennst du das hier etwa? Wie häufig bist du denn hier draußen im Outscarce?«, wollte Neve wissen.

»Mid–town«, sagte Malek betont knapp. »Outscarce sagt hier draußen keiner.«

Neve entnahm dem, dass Malek häufiger in Midtown zu tun hatte, und das machte ihn nur noch attraktiver. Malek war geheimnisumwoben. Tiefe, dunkle Augen in einem bildhübschen Gesicht. Genau der Typ, dem Neves Freundinnen schmachtend hinterherblickten. Nur dass keine von ihnen sich auch nur traute, einen wie ihn anzusprechen. Aber Neve war anders. Schon rein optisch. Ihr Äußeres repräsentierte ziemlich gut, wie es in ihr aussah, und niemand käme auf die Idee, dass dieses wilde Mädchen eine brave Kryostudentin war. Mit den Bildern auf ihrer Haut sah Neve mehr nach einem Oldschool-Kunstwerk aus als eine angehende Kryoexpertin. Man hätte sie eher an der Nadel eines abgewrackten Tattoo-Studios erwartet oder hinter dem feuchten Tresen einer versifften Strip-Bar. Und in gewisser Weise traf das alles auch zu. Denn gerade weil sie so unangepasst war, so freigiebig und kühn, hatte sie sich getraut, Malek – den unfassbar schönen Malek – auf einer Campus-Party anzusprechen. Damals hatte sie gar nicht gewusst, wohin sie zuerst starren sollte.

Die Belohnung war der beste Sex ihres bisher noch jungen Lebens gewesen. Seitdem waren sie Freunde, oder besser, Beischlafpartner. Für einen echten Freund hatte Neve keine Verwendung. Doch für gewöhnlich verlor Malek nicht mehr Worte als nötig – was Neve nur recht war. Allerdings, das musste Neve jetzt zugeben, wusste sie im Grunde nichts über ihn. Hätte sie doch besser mal nachgefragt, aber dafür war es jetzt zu spät. Jetzt konnte sie nicht mehr tun, als dem Jungen namens Jasp zu folgen, und der hatte das Tempo merklich angezogen.

Jasp flog die ersten Etagen hinauf, als würde er das täglich machen. Neve und Malek hatten ihre Not, ihm zu folgen. Auf Etage fünf begann Neve zu hecheln. Auf Etage sieben stoppte sie und ging in die Knie.

»Wie weit noch? Gibt’s hier keinen Aufzug?«

»Kaputt«, kam die knappe Antwort von etwas weiter oben. »Kein Precious für Hausmeister.« Auch der Junge hatte gestoppt. Er hatte wohl bemerkt, dass Malek und Neve nicht folgen konnten.

»Ich will auch gar nicht wissen, wie so ein Aufzug von innen aussieht.« Angewidert verzog Malek sein Gesicht. »Also, Jasp, wie weit noch?«

»Elf«, kam als knappe Antwort. Vier Etagen noch. Das würde Neve schon irgendwie schaffen. Sie hörte, wie die beiden sich wieder in Bewegung setzten, und folgte ihnen nur langsam. Auf Etage elf warteten sie. Neve verschnaufte kurz, der Junge zeigte nach rechts den Flur entlang.

»Dahinten. Meine Schwester. Krank ist sie.«

Jasp setzte sich in Bewegung. Malek folgte wortlos, und Neve trottete hinterher.

Der Flur war noch schlechter beleuchtet als die Promenade, und der Geruch war kaum auszuhalten. Neve hatte nur eine vage Ahnung davon gehabt, wie die Menschen im Outscarce hausten. Mehr so eine Idee, als eine Vorstellung. Aber das hier ging weit über das hinaus, was sie sich in ihren schlechten Träumen ausgemalt hätte. Es stank und war stickig feucht in diesem Hausflur, und obwohl sie nicht mehr draußen waren, war es kühl. Überall lagen Dreck und Müll herum, und Neve war froh, dass sie kaum etwas sehen konnte. Sie wollte gar nicht wissen, was es war, das dort herumlag.

Sie schlurften einige Meter über den Flur, dann bog der Junge ab. Danach ging er wieder ein paar Meter geradeaus, dann bog er erneut ab. So ging es mehrere Minuten. Neve würde nie wieder aus diesem Labyrinth herausfinden.

»Malek, wie kommen wir hier weg?«

Aber Malek antwortete nicht, denn der Junge war vor einer Tür stehen geblieben.

»Da drinnen Schwester. Krank ist sie. Kein Precious für Arzt.«

Neve kniff die Augen zusammen.

»Fünf Minuten. Nur fünf Minuten. Ich werde sehen, was ich für deine Schwester tun kann, und dann nichts wie raus hier.«

Der Junge klopfte an. »Mama, hulp is hier.« Dann lauter: »Mam, doe open!«

Die Tür schwang leicht auf. Ein Kopf erschien auf halber Höhe. Das Gesicht eines Kindes.

»Eindelijk«, sagte Jasp und drückte die Tür auf. Das Kind, ein Mädchen, stolperte zurück. »Kik uijt«, sagte es.

Neve wunderte sich über die Sprache. Es war nicht das gemeine Englisch, das seit Jahrzehnten weltweit gesprochen wurde. Viel mehr klangen die Worte wie ein Echo aus einer längst vergangenen Zeit.

Die Drei traten ein, und Neve wurde positiv überrascht. In der Wohnung war es warm, trocken und angenehm. Es gab hier kein kaltes Deckenlicht. Stattdessen brannten überall kleine Kerzen, und ein paar Räucherstäbchen sorgten für einen mandelartig süßen Geruch.

»Kein Precious«, sagte Jasp und deutete auf die Kerzen. Er hatte Neves überraschten Gesichtsausdruck gesehen und nahm sie nun bei der Hand. Langsam zog er sie hinter sich her.

Er führte sie in einen zweiten Raum, der dem ersten bis aufs Haar glich. Auch hier hatte es Kerzen, auch hier roch es angenehm. Allerdings …

Mehrere Frauen saßen mit verschränkten Beinen in einem Halbkreis auf dem Boden und wippten rhythmisch hin und her. Die Augen starr ins Nichts blickend. Ein Klagen lag in der schweren Luft. Sie murmelten leise vor sich hin, als beteten sie. Dann, wie zum Beweis, riss eine von ihnen, vielleicht die Mutter, ihre Arme in die Höhe, blickte zur Decke und gestikulierte wild. »De Heer! Waarom?«

In ihrer Mitte lag eine junge Frau. Die Augen geschlossen, das Gesicht bleich und ohne Farbe. Die Lippen grau angelaufen. Schweiß stand auf ihrer Stirn.

Jasp zog Neve näher an sie heran und deutete auf die Kranke. »Schwester. Kein Precious.«

Neve kniete sich mit einem Bein auf den Boden und legte ihre Hand auf die Stirn der Frau. »Mein Gott«, sagte sie.

Die Stirn war klatschnass, die Temperatur weit über vierzig. Die Frau lag in den letzten Zügen. Was auch immer dieses Fieber ausgelöst hatte, sie würde es nicht überstehen. Eine Stunde vielleicht, höchstens zwei. Sie bräuchten dringend einen Medic, und zwar einen richtigen. Auf der Stelle, und das hieß Hover-Medic!

»Wir brauchen einen Arzt. Sofort! Malek, ruf einen Hover! Jasp, bring mir feuchte Handtücher! Klitschnass und am besten eiskalt. Habt ihr Eis?«

Neve spürte eine Hand auf ihrer Schulter. Es war Malek.

»Neve, diese Leute haben nicht mal einen Kühlschrank. Woher sollen sie Eis haben?«

Neve riss sich die Jacke vom Leib und hielt sie Jasp hin. »Hier, mach die nass! Wasser werdet ihr ja wohl haben. Wir müssen sie kühlen. Unbedingt. So schnell wie möglich.«

Jasp nahm die Jacke entgegen, doch bewegte er sich keinen Zentimeter.

Neve strich der Schwester über die Stirn und flüsterte: »Alles wird gut. Ich bin bei dir. Ich werde dir helfen.«

Noch immer hielt Neve ihren Arm zur Seite, in Erwartung der Jacke oder eines feuchten Tuchs. Doch nichts passierte. Neve blickte sich um.

Jasp und Malek standen hinter ihr. Regungslos. Die Frauen stimmten ein Wehklagen an, das immer lauter, immer wilder wurde. Ekstatisch. Beinahe wie im Black Pipe. Die Luft war flirrend heiß, auch Neve traten Schweißperlen auf die Stirn. Aber sonst? Niemand machte auch nur Anstalten, Neve behilflich zu sein.

»Was ist das hier?«

»Dein Ticket zum Mond«, sagte Malek.

Sekundenlang starrte Neve ihn an. Sie wollte aufstehen, einfach wegrennen. Das hier würde nicht gut enden. Nicht für die junge, kranke Frau und auch nicht für Neve. Geh niemals im Outscarce spielen! Die Worte ihrer Mutter hallten durch ihren Kopf. Dann spürte sie die warme Hand. Neve drehte sich um.

Die kranke Schwester hatte auf einmal die Augen geöffnet. Blutunterlaufen, tief vergraben in den grauen Augenhöhlen. Ihre Lippen bebten. Sie flüsterte, aber Neve verstand nicht.

Sie beugte sich herab. Immer näher an die Kranke heran, bis sie die Worte vernahm.

»Lauf, wenn du kannst.« Ihre Worte waren ein Röcheln. Der Atem fiebrig wie der Rest des geschundenen Körpers.

Die Frau klammerte nun den Arm um Neves Hals. Neve riss sich los und sprang auf. Es war die Bewegung, die von ihr erwartet worden war.

Eine Spritze tauchte in ihrem Blickfeld auf, gerade als Neve begriff, dass sie sich zur Seite hätte werfen sollen; dass ein solches Manöver ihre einzige Rettung gewesen wäre. Genau in diesem Moment spürte sie die Nadel in ihr Fleisch eindringen.

Sie fühlte die warme Flüssigkeit unter ihrer Haut, und so irre wie manche Ideen kommen und gehen, so unwahrscheinlich, wie sie in den seltsamsten Momenten auf­tauchen, nur um dann wieder zu verschwinden, kam ihr ein letzter, sehnsüchtiger Gedanke: Wäre es doch Malek, dessen zittriger Atem über ihren verschwitzten Nabel strich.

Aber es war nicht Malek. Es war der Junge, der die Spritze hielt – sein Gesicht völlig leer, als wäre er unbeteiligt.

Es war das Letzte, was Neve an diesem Tag sah.

***

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