Die vierte Gewalt hat Rücken!

Die vierte Gewalt hat Rücken!

May 21, 2025

image Oh, wie ich ihn liebe - diesen Job! Wirklich. Ich bin quasi mit ihm verheiratet, auch wenn der Journalismus in letzter Zeit zunehmend… na ja… sagen wir: belehrend geworden ist. Er erklärt mir täglich die Welt. So, wie er sie eben sieht.
Natürlich rede ich nicht vom gesamten deutschen Journalismus. Es gibt sie ja nach wie vor: die klugen, sorgfältigen, hartnäckigen Journalisten, die lieber rausfahren als reinfühlen. Aber manche Teile - und es werden gefühlt nicht weniger - benehmen sich inzwischen wie dieser eine Typ auf der WG-Party, der erst den gesamten Raum moralisch vermisst und dann mit leuchtenden Augen sagt: „Ich will dich ja nicht belehren, aber…“
Früher war Journalismus mal sowas wie ein Leuchtturm. Orientierung geben, Durchblick verschaffen, die Wahrheit suchen, auch wenn sie unbequem ist. Heute hat man oft das Gefühl, dass der Leuchtturm auf Energiesparmodus geschaltet wurde und stattdessen fette Nebelmaschinen aufgefahren werden. Hauptsache, es sieht nach Haltung aus.
Was man heute oft bekommt: Einen Journalismus, der sich selbst manchmal ein bisschen zu sehr liebt. Der sich für systemrelevant hält, aber immer weniger Systeme versteht. Der lieber einen „Debattenbeitrag“ schreibt als einen Artikel und das Wort „umstritten“ inflationär benutzt, sobald jemand etwas sagt, das außerhalb der eigenen Filterblase liegt.
Und weil man sich im Zweifel nicht mehr auf die alten Tugenden verlässt: Recherche, Vielfalt, kritische Distanz, bastelt man sich die Wirklichkeit eben zurecht. Am besten gleich mit der passenden Einordnung. Denn einfach nur berichten? Ach bitte! Dann könnte ja jeder selbst denken. Und das ist gefährlich. Vor allem, wenn dabei eine Meinung rauskommt, die nicht auf der richtigen Seite steht.
Ich weiß, das klingt jetzt bissig. Vielleicht ein bisschen undankbar. Schließlich dürfen wir in einer Demokratie leben, in der man all das sagen kann und auch sollte. Aber gerade deshalb macht es mich traurig, wenn Medien ihre Rolle als Vierte Gewalt mit einer Art Dauer-Mission verwechseln: Erziehen statt erklären! Bekehren statt berichten. Und auf gar keinen Fall mal loslassen. Denn wer loslässt, verliert ja womöglich die Deutungshoheit! Und was bleibt dann noch? Ein bisschen Handwerk? Ein paar unbequeme Fragen?
Nein, da bleibt man lieber bei seiner Haltung. Die ist bequem, moralisch sauber und lässt sich gut twittern.
Nur: Die Realität draußen interessiert sich nicht für Hashtags, die trenden. Und auch nicht für unsere intellektuellen Pirouetten. Die Menschen da draußen - ja, auch die mit einfachen Fragen - wollen nicht belehrt, sondern verstanden werden. Und ernst genommen. Nicht nur, wenn sie dieselbe Meinung haben wie man selbst.
Ich will niemandem das Mikro aus der Hand nehmen. Ich will nur, dass wir wieder zuhören. Und dass wir uns vielleicht gelegentlich daran erinnern, dass Journalismus kein Wettbewerb im Haltungsturnen ist. Sondern ein Dienst an der Öffentlichkeit. An allen. Auch an denen, die man persönlich vielleicht nicht bei der Grill-Party dabeihaben will.
In diesem Sinne: Ich bin weiter gern verheiratet mit dem Journalismus. Aber ich wünsche mir ein bisschen mehr Leidenschaft. Weniger Selbstgefälligkeit. Und ab und zu mal eine Geschichte ohne belehrenden Unterton.
Und wenn nicht, dann gehe ich eben alleine zur nächsten WG-Party. Ohne Nebelmaschine. Aber mit Fragen.

#Journalismus #Medienkritik #Kolumne #Meinung

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