
6. Führungsstrategien, Powernap-Meetings – oder wenn Steak nach Fisch riecht und ich das Ruder auf meine Art übernehme.
Ich liege ausgestreckt auf der Fensterbank – wie eine lebendige Skulptur der Gelassenheit. Die Vorderpfoten übereinandergelegt, der Schwanz kunstvoll zur perfekten Schlaufe geformt. Ein
Designstatement in Katzengestalt. Mein Blick geht raus in die Welt – klar, ruhig, souverän. Dort draussen herrscht Chaos, Meetings, To-do-Listen, Sandwich Calls. Ich drehe mich mit der Welt, aber ganz sicher nicht um mich selbst. Ich bin schliesslich keine Führungskraft auf Sinnsuche, die wegen Gedankenkreisen, endlose Pirouetten dreht. Ihre Ideen parken sie dann so lange, bis sie von selbst weggammeln.
Missratene Führung erkenne ich sofort. Das sind dann Manager die Räume betreten, als gehörte ihnen nicht nur das Büro, sondern auch die Zeitzone und vor allem die Mitarbeiter. Noch bevor sie auftauchen,
liegt ein Hauch verdorbenem Aftershave in der Luft – wie eine Mischung aus verbranntem Ego und emotionaler Erpressung. Kommunikation, fehl am Platz! Führung sage ich ist ein Dialog, eine Art Coaching – aber manchmal wird sie verwechselt mit Reviermarkierung.
Da gibt es sie – die Flipchart-Artisten. Sie wirbeln mit Markern wie Dompteure mit Zirkuspeitschen und kleben Post-its an die Wand, bis der Raum aussieht wie ein Kindergarten nach dem Basteltag. Ihre Ideen? Wild verteilt wie Konfetti auf einer Karnevalssitzung – bunt, laut und nach fünf Minuten vergessen, weil zu viele. Einige Manager nennen es agiles Arbeiten. Ich nenne es Scrum – ein Projektmenü à la «moderne Restaurantküche oder gehäckselter Knut à la Praliné»: Statt ein ordentliches Steak mit Beilagen zu bekommen, serviert dir der Kellner erstmal ein Häppchen. Dann noch eins. Dann noch eins. Dazwischen wird probiert, nachgewürzt, diskutiert – und wenn du Pech hast, kommt am Ende Dill-Glacé auf deinen Teller. Aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Was bleibt, sind konzentrierte Fachbegriffe, kluge Sätze und Buzzwords auf zwei Quadratmetern. Konzept oder Chaos-Artistik. Nur eins ist sicher: Das Unternehmensschicksal lässt sich davon nicht ablesen.
Andere halten PowerPoint-Monologe wie einst Cäsar seine Reden – nur mit mehr Bullet Points und weniger Pointen. Führen Einzelgespräche (One-to-ones), die sich anfühlen wie Vorstellungsgespräche, obwohl ihre Mitarbeiter seit Jahren bei ihnen angestellt sind. Eine Art Speed-Dating mit Machtgefälle. Das ist dann die «Methode Silberrücken-Gorilla vs. Chamäleon». Der eine trommelt sich stolz auf die Brust, der andere wechselt chamäleonartig die Farbe und versucht, sich irgendwo zwischen «Low Hanging Fruits first» und Innovationsdrang zu positionieren – in der Hoffnung, seinen PHD-Knebelvertrag nicht zu gefährden oder die Befristung zu überleben, ohne dabei selbst zur verfaulten Banane zu werden. Oder schlimmer: zur teuren Banane an der Wand, die zwar Aufmerksamkeit bekommt, aber null Substanz hat – ausser vielleicht einem Preisschild und der regelmässigen Auswechslung der verfaulten Frucht, das den Irrsinn dann perfekt zusammenfasst.
Nein, ich, Silvy gehe da anders an die Dinge heran. Ich bin der ruhende Pol im Panoramabüro, der sein Revier mit minimaler Bewegung, aber maximaler Präsenz kontrolliert. Meine To-do-Liste? Durchgetaktet und hochpriorisiert: Streicheleinheiten links, Streicheleinheiten rechts. Frühstückslachs um 6:00 Uhr, Abendforelle um 19:00 Uhr. Dazwischen? Strategisches Schlafen, intensive Yogadehnungen und gezielte Aufmerksamkeitserpressung per Zwischenmiau.
Barty mein treuer Untergebener – vom Organigramm her wohl «Projektkoordinator Homeoffice» oder «Chamäleon» ersten Grades. Er hat seinen Kopf auf der Laptop-Tastatur geparkt. Powernap während der wöchentlichen Bürositzung via Teams. Ein Klassiker. Ich beobachte ihn aufmerksam. Er schnarcht inzwischen wie ein alter Laserdrucker im Energiesparmodus. Das mag niedlich wirken, aber es stört meine Jagdplanung erheblich.
Deswegen miaue ich streng – ein kurzes, präzises «Jetzt nicht!»-Signal. Dann springe ich neben ihn auf den Tisch. Barty zuckt zusammen, reisst die Augen auf und fährt mit einem Satz wieder in die Realität zurück. Doch kaum hat er sich aufgerichtet, sinkt er auch schon wieder ab – als würde ihn das Gewicht der To-dos langsam zurück auf die Tastatur drücken.
Nun wer nicht arbeitet - muss auch nicht essen. Und genau deswegen beginne ich, wie es sich gehört sein während Teil eins der Sitzung bereits gekochtes Mittagssteak direkt auf dem Tisch vor seinen geschlossenen Augen zu essen. Medium rare, mit Backofenpommes und einem Klecks Rahmspinat, der aussieht, als hätte ihn jemand mit Leidenschaft aus dem Beutel gekratzt. Alles liegt da, liebevoll angerichtet, direkt neben Barty, dem Bildschirmhalter mit Tastaturkontakt.
Ich beisse genüsslich zu. Was für ein herrlicher Gaumenschmaus – zartes Steak, salzige Pommes, dieser dekadent überflüssige Spinat. Egal. Trotzdem ein Triumph für den Gaumen. Doch dann – ein Grunzen. Erst leise. Dann ein zweites. Beim dritten Mal klingt es, als würde ein Nilpferd träumen, es sei der Staubsauger auferstanden. Und plötzlich – ZACK! – schlägt Barty wie aus dem Nichts mit der Hand in meine Richtung! Ich springe hoch wie ein Toast aus dem Toaster. Das Steak fliegt, die Pommes segeln zu Boden, der Spinat flutscht vom Tisch und macht einen undefinierbaren Dreifachsalto. Der Teller? Zerlegt sich in Porzellanscherben.
Und ich? Ich bleibe Profi. Geistesgegenwärtig schnappe ich mir das Steak im Flug und verschwinde mit der Anmut eines Wesens, welches seit Jahrtausenden und bereits bei den Ägyptern als Sphinx verehrt wurde unter das Bett – tief in meinen persönlichen Bunker. Eine Art Festung für Fleisch und Freiheit. Barty, flucht vor sich hin und wettert mehrmals hintereinander: «Mein Steak! Mein Steak!».
Plötzlich höre ich aus dem PC eine ziemlich besorgte Stimme fragen: «Barty? So habe ich Sie ja noch nie erlebt! Was ist denn zwischen Ihnen und unserem Gast, Herrn Töli bloss vorgefallen. Er kann doch nichts dafür, dass die Fördergelder gekürzt wurden!?» Oh je der arme Barty muss aus Versehen, wohl beim Schlag in meine Richtung auf die Lautsprechertaste gekommen sein. «Eh, ehm ja, sorry, die Strategie ist – oh mein Steak!» Dann wieder aus der Bürositzung heraus: «Ja gut, klar, das war Ihr Baby, äh ihr Steak.» Der sichtlich eingeschüchterte Sitzungsleiter versucht zu schlichten und fragt daraufhin noch einmal bei Herrn Töli nach: «Können wir da nicht nochmals über die Unterstützung reden? Das Projekt scheint Barty sehr am Herzen zu liegen und ich denke so energisch, wie sich Barty zeigt wird er die Programmierung gleich selbst in die Hand nehmen. So energisch habe ich Ihn noch nie erlebt.»
Barty völlig perplex versucht die Scherben von seinem Essen zu trennen. Dazu lehnt er sich einseitig von seinem «Wallahalla-Swing-Chair» wohl in der Hoffnung zumindest noch zu einem vegetarischen Gericht, dem sogenannten «Spinat-Pommes-Smash» zu kommen. Verwirrt hebt er seinen Kopf und begreift erst jetzt. Sofort versucht Barty die Situation auf höffliche weise zu retten «Oh, Entschuldigen Sie Herr Töli! Das
war auf keinen Fall meine Absicht.» Ich denk mir nur: «Blabla, doch Barty das war Absicht! Manchmal muss der Mitarbeiter auf den Tisch hauen, genau wie die Silberrückengorillamanager das machen, denn nur so können deine Projektstunden und damit mein Futter bezahlt werden! Unglaublich, dass er jetzt noch
zurückkrebsen will, wo ich ihn doch zur Leistung seines Lebens angetrieben habe.
Leicht genervt futtere ich Bartys Steak auf dem Teppich unter dem Bett weiter. Barty schreit vor Wut auf. Innerlich denke ich mir: «So kennt man dich wirklich nicht und deine Arbeitskollegen/innen wohl auch nicht.» Die Teamsitzung ist still geworden. Das Meeting äusserst angespannt. Kein Ton mehr. Dann stammelt Herr Töli eingeschüchtert und mit beinahe zerrissener Stimme vor sich hin: «Eh, Barty. O-oo- okay. Ich kann sie einen weiteren Monat mit rund 20'000 Franken unterstützen. Aber nehmen Sie sich der Programmierung bitte selbst an.» Ich beginne innerlich zu jauchzen: «Uaaa Barty! Das gibt einen richtigen Berg Fisch für mich!». Er dagegen mit mindestens so entsetzter Stimme wie Herr Töli gibt leise und kaum verständlich zurück: «Hmm.. eh.. was!?». Dann drückt er die «Mute-Taste», checkt doppelt, ob das Mute-Zeichen wirklich auf dem PC erschienen ist und, ob die Kamera ausgeschaltet ist. Dann: «Oh Silvy, du treibst mich noch in den Ruin!». Ich denk mir nur: «Hää, warum denn das jetzt: Du hast dir gerade deinen Projektauftrag verlängert, dank wem, dank mir!» Dann irgendwie entsetzt und den Tränen nahe: «Ich kann doch gar nicht...».
Irgendwie habe ich keine Ahnung, was Barty da vor sich hin faselt. Ehrlich gesagt ist es mir auch egal, von Programmieren habe ich auch noch nie etwas gehört. Aber hey, hauptsache es gibt Fisch! Und keine Angst von 20'000 Franken, kannst du dir von mir aus auch noch ein zwei dieser Steaks kaufen. Etwas genervt, dass Barty meinen grossartigen Einsatz für ihn, seine Zukunft und meinen Fisch nicht wirklich anerkennen kann, aber so sind nun mal Mitarbeiter. Ich gebe ihnen Gnade, denn Sie wissen nicht, was sie tun. Ich trotte wieder unter dem Bett hervor und lasse den Rest des Steaks genervt liegen. Soll Barty sich doch damit trösten, wenn er es in einem halben Jahr vielleicht beim Aufräumen findet. «Hauptsache Fisch für den nächsten Monat! Bleib ruhig, Barty. Ich habe alles im Griff ganz auf meine Weise ganz ohne wilde Fluchtiraden, Flip-Charts oder einseitige Einzelgespräche. Barty, du musst nur das Fisch-Abo verlängern und das lässt sich mit dem eingeworbenen Geld bestimmt gut arrangieren.»
