Wie das krasse Schneewittchen aus »Unter ...

Wie das krasse Schneewittchen aus »Unter dem Berg« ... dem Baron neue Kleider verschaffte

Aug 28, 2021

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Aus der Reihe:

Jonas Folklore & MärchenPunk:

...ich weiß, welches Märchen du letzten Sommer gelesen hast

 © M.E. Lee Jonas

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Wie das krasse Schneewittchen aus »Unter dem Berg« ... dem Baron neue Kleider verschaffte

»Ich bin der Schönste im ganzen Land«, prahlte der Baron. »Nur das Feinste darf über meine Türschwelle treten«, ordnetet er an.

Nervös wühlte die Dorfmaid in den Unterlagen und versuchte, seinem Geschwätz aus dem Weg zu gehen.

Sich selbst lobpreisend, rannte er ihr jedoch bis in die Kaffee-Küche hinterher.

»Ist eure Haushälterin krank?«, lenkte sie ab und schielte auf das abgenutzte Shirt, das er den dritten Tag infolge trug.

Irritiert riss er ihr die Tasse aus der Hand.

»Wer sagt das?«, fragte er pampig. »Wir sind sehr reich und können uns jeglichen Luxus leisten. Natürlich haben wir ein Dienstmädchen!«, spielte er sich auf, worauf sie entnervt auf sein Outfit zeigte.

»Die Kundschaft munkelt«, versuchte sie ihm schonend zu erklären. »Das Shirt hat Löcher und Flecken«, fügte sie deutlicher werdend hinzu.

Der Baron horchte auf.

»Was munkeln sie denn?«, fragte er forsch.

»Dass ihr pleite wärt«, rutschte es ihr heraus, infolgedessen der Baron knallrot anlief.

»Dieser Neid!«, empörte er sich. »Wir waren gerade im teuersten Hotel und haben mit großen Persönlichkeiten gespeist. Sogar unsere Manieren wurden gelobt!«, log er, worauf die Maid das Weite suchen wollte.

»Halt!«, schrie er hinter ihr her.

Schnaubend drehte sich die seit Monaten unbezahlte Bürokraft um.

»Sag Schneewittchen, dass sie zu mir kommen soll. Ich will, dass sie mir und meiner Familie die schönsten Kleider schneidert. Sie wohnt doch noch in der Hütte am Waldrand?«, erkundigte er sich und fuhr mit der Zunge über die Lippen.

»Weiß ich nicht«, zischte sie. »Soweit ich erfahren habe, zieht sie mit ihrem gut aussehenden, blonden Adligen von Dannen«, schwärmte sie, um seine seltsamen Allüren gegenüber der beliebtesten Frau im Dorf abzublocken. 

»Ich bin sehr reich. Sag ihr das!«, schrie der Baron hinterher.

Die Bürokraft riss ihre Jacke an sich und schmiss ihm einen Zettel auf den Tresen.

»Worum geht es?«, fragte er gelangweilt.

»Falls sie ins Dorf fahren und zufällig einen Plausch mit dem Bankier abhalten, wäre es höflich, wenn sie das Gehalt, das sie mir seit sieben Monaten schulden überweisen könnten«, sprach sie an und verschwand aus der Tür.

Die Bitte ignorierend warf er den Zettel jedoch in den Aktenvernichter, bevor er den Spiegel aus der Tasche holte.

Mehrere Posen übend, bewunderte er sein Antlitz.

»Ich bin der Schönste … Was?«

Erschrocken zoomte er sein Ebenbild und schnaubte. »Das kann doch nicht wahr sein!«, fluchte er und griff zum Hörer.

»Ja, hier Baron von Waldhausen. Ich erbitte einen zügigen Termin. Morgen? Wissen sie nicht, wer ich bin?«, schrie er ins Telefon. 

»Geht doch«, zischte er gewohnt unhöflich und legte auf.

Entsetzt suchte er sein Haupt nach weiteren grauen Haaren ab und schnappte den Autoschlüssel.

»Ich bin der Schönste im ganzen Land«, trällernd, versuchte er die überbreite Karosse seiner Kutsche durch die engen Gassen zu manövrieren. All die Kratzer, die bei seiner holden Gattin für Empörung sorgten, schob er stets auf den miserablen Architekten, den er seit Monaten behelligte, seinen Job demnächst besser zu machen.

»Was für ein Fatzke«, echauffierte sich dieser daraufhin. »Da fahren Schulbusse durch. Wie lange will sich das Dorf noch von diesem »Graf von Sinnen« an der Nase rumführen lassen?«, regte er sich im Wirtshaus auf.

»Der kann einfach nicht Auto fahren. Ist auch schwierig, wenn man sich die ganze Zeit nur im Spiegel betrachten muss«, spöttelte der Wirt. »Hier kommt er nicht mehr rein. Als ich ihm sagte, dass es kein Freibier für ihn gibt, hat er angefangen, meine Frau zu beleidigen. Das ist kein Adliger«, fügte er hinzu.

Doch der Baron von Waldhausen ignorierte die Kopfschüttelnden und reagierte auf Fakten meist mit neuen, törichten Erfindungen.

»Ich habe einen sehr einflussreichen Freund«, prahlte er, während die junge, blonde Haar-Stylistin ihm schwarze Haarfarbe auf dem Kopf verteilte. »Wir schreiben zusammen an einer Art »Offenbarung«. Diese Neider werden sich wundern«, säuselte er, worauf die junge Frau nickte, jedoch hoffte, ihm würde der Mund zuwachsen.

»Wir werden so einiges von den großen Wichtigtuern preisgeben. Mein einflussreicher Freund, na ja«, mystisch klingend wollend, zupfte er einen Fussel von der Hose. »Er ist mit sehr hohen Mächten im Bunde. Dann wird niemand mehr wagen, meinen Reichtum anzuzweifeln«, versuchte er Eindruck zu schinden, worauf die Haar-Stylistin glücklich lächelte. Aber nur, weil die Farbe verteilt war und sie dem Palaver endlich entfliehen konnte.

Doch der Baron deutete dies als erfolgreichen Flirt. Er ging aufs Ganze.

»Gehen sie auch auf das große Dorffest?«, lallte er lasziv, worauf sie vom Duft des billigen Whiskeys angetrieben, die Luft anhielt und zum nächsten Kunden eilte.

Nachdem die Frisur des Barons gänzlich seinen Erwartungen entsprach, legte die junge Maid ihm die Rechnung hin.

»Dann sehen wir uns auf dem Dorffest. Wir könnten zusammen etwas trinken«, bot er von sich überzeugt an.

»Das muss ich mich erst mit meinem Alfred besprechen«, wehrte sie ab, worauf er einen Schritt zurück weichte.

»Bitte?«, entfleuchte es ihm ob der ungewöhnlichen Grammatik der blonden Haar-Magierin.

»Soll ich wieder anschreiben?«, fragte sie deutlich ausweichend. Mit hochrotem Kopf sah er sich um.

»Ein bisschen mehr Diskretion bitte!«, zischte er. »Ich hatte doch erklärt, dass es Probleme auf der Bank gab. Ich bin das Opfer eines Datenfehlers. Vollkommen unschuldig. Ich bin sehr reich!«, redete er sich raus.

»Die letzte Rechnung hat ihre Mutter bezahlt, als sie vorige Woche hier war, um ihre gesammelten Rabatt-Coupons einzulösen. Sehr diskret natürlich. Also, anschreiben oder bar?«, hakte sie nach. »Aber mein Alfred hat gesagt, dass er sich das Geld persönlich holt, wenn es wieder so lange dauert. Immerhin grüßen sie niemanden im Dorf, der nicht … mega reich ist«, gab sie ihm zu verstehen. 

»Anschreiben«, flüsterte er und schlich aus dem Salon.

»Dieser Neid!«, empörte er sich innerlich.

Währenddessen läutete die Glocke an Schneewittchens Häuschen.

Eifrig trocknete die fleißige Maid ihre Hände, richtete das Haar und eilte zur Tür.

»Hoffentlich nicht wieder eine dieser alten, schlecht gelaunten Weiber, die mir Äppel verkaufen wollen«, hoffte sie und war erleichtert, als sie die Bürokraft des Barons erblickte.

»Gott sei Dank. Maja. Ich hatte schon befürchtet, noch mehr Kämme, Mieder oder Äpfel kaufen zu müssen, um Lästereien aus dem Weg zu gehen«, spöttelte sie.

»Kaffee?«, fragte sie und setzte den Kessel auf den Ofen.

Maja seufzte.

»Was ist los? Ist die Luft oben auf dem Berg wieder dünn?«, erkundigte sich Schneewittchen besorgt.

»Ich soll dir sagen, dass er dich sehen will«, schnaubte Maja gereizt.

»Was ist es dieses Mal?«

Entnervt, von den andauernden, peinlichen Avancen des Barons, wollte sie es eigentlich gar nicht wissen. 

»Die schönsten Kleider. Natürlich von dir persönlich«, erklärte Maja. »Und ich soll dir ausrichten, dass er sehr reich ist«, fügte sie hinzu, worauf beide lauthals loslachten.

»Was ist der Anlass? Haben Aliens sein Auto gestohlen? Oder hat Rumpelstilzchen all sein Gold aus der Kammer geklaut?«, will sie wissen.

»Ich wollte einfach nur mein Gehalt der letzten sieben Monate. Die Kundschaft lästert und ich habe ihm erklärt, dass er liederlich rumläuft und es peinlich ist«, berichtete Maja.

Dies machte Schneewittchen nachdenklich.

»Das muss ein Ende haben. Ich bin es ebenso leid, mir jedes Mal seine Geschichten anzuhören. Wofür braucht er denn die hübschesten Kleider?«

Maja hob die Schultern.

»Keine Ahnung. Die Kundschaft spekuliert, dass er nur einen auf dicke Lippe macht. Überall hört man von Rechnungen, die er nicht bezahlt, von frechen Antworten und peinlichen Manieren. Ich wäre längst weg. Aber er behauptet, jeden Geschäftsmann in der Gegend zu kennen. Niemand würde mich einstellen, wenn ich indiskret sei und erzähle, dass ich seit Monaten unbezahlt arbeiten muss.«

Schneewittchen holte frische Plätzchen aus der blitzblank geputzten Küche und grübelte.

»Ich gehe weg von hier«, sagte sie.

»Das habe ich ihm gesagt. Und, dass du glücklich bist und mit deinem Mann und Gefolge zurück nach Hause gehst. Aber jedes Mal, wenn der von dir redet, bekommt er diesen wahnwitzigen Gesichtsausdruck. Widerlich. Der ist verheiratet und baggert alles an, was ihm über den Weg läuft. Doch sobald nur der Name »Schneewittchen« fällt, ist der wie von Sinnen«, empörte sich Maja. »Mir ist das peinlich, weil ich dich privat kenne«, fügte sie hinzu.

»Er ist der Schönste im ganzen Land. Vergiss das nicht, meine Liebe«, konterte Schneewittchen, worauf sich die Stimmung allmählich entspannte.

»So einen Spinner trifft man selten. Ich meine der toppt noch den Wolf, den Rotkäppchen ausgeknockt hat. Der rennt auch durchs Dorf, um irgendwo Wein und Kuchen zu schnorren und plärrt rum, er hätte die dicksten … Verzeihung«, polterte es Maja heraus.

Schneewittchen kicherte.

»Ja, ich weiß. Das ist auch so eine Nervensäge«, gab sie zu.

»Nun denn. Ich denke, bevor ich weggehe, werden wir diesem Baron noch eine Lektion erteilen«, beschloss sie. »Er fordert von mir ständig Dinge, obwohl er uns etwas schuldet. Diese Sippe terrorisiert das Dorf, indem sie die Bewohner zwingen, zu sagen: Ihr seid reich und wir sind alle, alle, alle neidisch. Die sind ebenso nur zugezogen wie ich.«

Maja, innerlich triumphierend, da Schneewittchen nicht ohne Grund als klügste Frau beschrieben wird, biss erleichtert in einen Keks.

»Die sind richtig gut«, lobte sie und kicherte.

Am nächsten Morgen begab sich Schneewittchen auf den Weg ins Oberdorf. 

Mit einem kleinen Korb, der fröhlich wie sie selbst, in ihren Händen wippte, erklomm sie die Stufen zum Geldinstitut.

»Guten morgen«, rief sie in die Runde, worauf sich alle Anwesenden freuten, sie endlich wieder zu Gesicht zu bekommen.

Nachdem Schneewittchen den Krieg ihrer Stiefmutter gewonnen hatte und nun, von jedermann gefeiert, mit ihrer einzig wahren Liebe zurück nach Hause ziehen konnte, hatte sich die junge Maid aus dem Dorfleben zurückgezogen. 

»Wie geht es euch?«, fragte der Bankier.

»Gut. Ich…«, begann sie, als vor der Tür ein riesiges Gezeter vom Zaun brach.

Seufzend übergab sie dem Bankier die Überweisungen und verabschiedete sich.

»Unmögliches Pack«, zischte er und floh in sein Büro. »Die bekommen hier keine Kredite mehr«, fluchte er.

Schneewittchen versuchte sich an der alten Furie vorbei zu mogeln, die in gewohnter Manier von ihrem Bankrott ablenken wollte, indem sie böse Flüche in die Welt schrie. Vor allem denen, die behaupteten, ihr Sohn sei ein falscher Baron, sollte Pech und Schwefel folgen.

Ein Greis war das erwählte Objekt, dem sie all die Dreistigkeiten mit auf den Weg gab.

Schneewittchen wurde es zu viel.

»Ihre Unhöflichkeit wird ihren Preis haben«, fauchte sie der Alten entgegen, worauf diese, an Beleidigungen nicht sparend, hinter ihr her giftete. 

Erhobenen Hauptes flüchtete die junge Frau um die nächste Hausecke.

»Das muss ein Ende haben«, schnaubte sie und holte den Wein, den sie eigentlich Rotkäppchens Großmutter bringen wollte aus dem Korb.

»Außergewöhnliche Situationen, verlangen außergewöhnliche Maßnahmen«, ermutigte sie sich und nahm einen kräftigen Schluck.

Während das Gezeter der Furie, die vom Bankier abgewiesen worden war, immer lauter durchs Dorf drang, gesellte sich der alte Wolf neben die Maid.

»Hallo, schönes Kind«, raunte er.

»Geh woanders schnorren«, zischte sie. »Wie wär‘s mit dem Adligen da oben? Ihr könntet euch stundenlang die Hucke volllügen, wer der größere Hecht im Forellenteich ist«, blaffte sie und nahm noch einen Schluck.

»Hier, bevor du wieder plündern gehst.«

Schneewittchen drückte dem Wolf die Flasche in die Hand und machte sich auf den Weg zum Baron. Das Gezeter seiner Mutter immer im Rücken.

»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm«, fluchte sie, als sie die Einfahrt hinauf ging.

»So ein Aufschneider«, regte sie sich auf, als sie das Schild am Eingang erblickte, das kurz zuvor angebracht worden war.

»Baron von Waldhausen. Der schönste und reichste Könner im ganzen Land«, prangte in großen Lettern auf blechernem Untergrund. 

Schneewittchen überwand ihre Übelkeit und betrat das Gebäude, das am Ende der Gemeinde, üppigen Wohlstand darstellen sollte.

»Du hast einen Termin?«, fragte die Büroangestellte und grinste.

»Ich brauche keinen«, foppte Schneewittchen ihre Bekannte.

»Würden sie ihrer Majestät bitte kundtun, dass das krasse Schneewittchen von »Unter dem Berg« nur für ihn hierauf gekrochen ist, um seinem adligen Körper das edelste Gewand zu schneidern«, bat sie, worauf Maja kicherte und ihr einen Stuhl anbot.

Denn der Baron hatte die Angewohnheit, allen Kunden seine Beliebtheit zu demonstrieren, indem er genau diese stundenlang warten ließ.

Irgendwann, Schneewittchen hatte mittlerweile die Kreuzworträtsel in sämtlichen Gazetten gelöst, durfte sie das Büro des Barons betreten.

Wild posierend stand er am Fenster, das er mit sehr galanten Bewegungen öffnete und schloss, öffnete und schloss, während er so tat, als würde er Schneewittchen, die laut angeklopft hatte, nicht bemerken.

»Erbärmlich«, schoss es ihr durch den Kopf, als er sich umdrehte.

»Oh, Schneewittchen. Ich wusste gar nicht, dass du einen Termin hast«, log er und bat sie auf dem abgenutzten Besucherstuhl Platz zu nehmen. Er selbst fläzte sich in einen thronähnlichen Sessel gegenüber und starrte sie an.

»Was kann ich für dich tun?«, hauchte er und lächelte dabei merkwürdig.

»Soweit ich weiß, sollte ich hierher kommen. Du bist doch sehr reich?«, platzte es aus ihr heraus, worauf sich das Antlitz des Barons erhellte. Stolz fuhr er durch das frisch gefärbte Haar, das wie ein Mohn-Kuchen-Kranz sein altes Gesicht eingrenzte. 

»Ja, das bin ich. Brauchst du etwa Geld?«, wollte er wissen und lehnte sich nach vorn, sodass Schneewittchen ihren Stuhl zwei Meter rückwärts schob.

»Sehr nett, aber nein danke. Ich möchte dich erinnern, dass ich ein stattliches Erbe antrete. Du hast Maja zu mir geschickt. Ich soll euch Kleider schneidern?«, blockte sie ab.

Angewidert beobachtete sie, wie er sich erneut über die Lippen fuhr.

»Dieser Neid, meine Liebe. Dieser Neid«, säuselte er, sie anstarrend. »Ja, das ist wohl wahr, liebes Schneewittchen. Ich will, dass du mich und meine Familie für das große Dorffest standesgemäß einkleidest«, verlangte er daraufhin.

»Standesgemäß?«, wiederholte sie zynisch, worauf er wie ein Wackeldackel in einer scharfen Linkskurve, zu nicken begann.

Schneewittchen wurde übel. 

»Und ich gehe davon aus, dass es nur die teuersten Stoffe sein sollen?«, hakte sie nach.

Der Drang, diesem alten, loddrigen Mann zu sagen, wie lächerlich das alles ist, steigerte sich enorm. Doch sie wusste, dass dies noch nicht der richtige Zeitpunkt war.

Also ließ sie ihn reden.

»Aber natürlich. Ich würde deine Kunst nicht mit primitiven Kunstfasern beschmutzen«, versuchte der Baron, sie zu umschmeicheln.

»Keine primitiven Kunstfasern«, wiederholte sie und starrte provokativ auf sein Shirt, welches das Gegenteil von dem aussagte, was dieser Troll von sich gab.

»Sonst noch Wünsche?«

Der Baron strich über den riesigen Chronograph und fläzte sich in Denkerpose in den Sessel. »Gehst du auch auf das Dorffest?«, wollte er wissen, als Schneewittchen die Hutschnur riss. 

»Nein! Wie du weißt, ziehe ich demnächst mit meinem Mann zurück in mein Schloss. Hier in diesem Dorf bin ich das Schneewittchen aus der Hütte »Unter dem Berg«. Dieses Fest ist aber nur für … sehr reiche Leute«, äffte sie ihn nach. 

»Ja, so ist es. Dieser Neid, meine Liebe«, säuselte er, als hätte er nicht gehört, was die Maid ihm gesagt hat.

Schneewittchen stand auf und ging zur Tür.

»Ist das Verwandtschaft?«, fragte sie, worauf er stutze.

»Wer?«

»Na, dieser Neid«, antwortete sie grinsend und verließ unter den nervösen Blicken Majas das Etablissement.

Ein paar Wochen gingen ins Land. 

Während Schneewittchen gemeinsam mit ihrem Gatten den Umzug plante, bereitete sich das Dorf oberhalb des Berges auf die großen, finalen Feierlichkeiten vor.

Doch im Gegensatz zu den vergangenen Jahren lag eine gereizte Stimmung über der Gemeinde. 

Maja wurde oft zu Schneewittchen geschickt, da der Baron fürchtete, sie hätte sein Anliegen vergessen. Immerhin konnte er sie telefonisch nicht mehr erreichen.

»Jetzt mal ganz ehrlich, Maja. Für wie blöd, hält dieser Mann uns alle? Ich bin verheiratet und gehe zurück in mein Schloss. Ich veranstalte auch kein Tamtam um meinen Status. Diese Sippe ist weder adlig noch wohlhabend und ich habe es satt, jede Woche Brieftauben mit anonymen Liebesbotschaften abzufangen, die er abstreitet, obwohl jeder weiß, dass sie vom Baron sind. Du hast Monate kein Gehalt bekommen. Wo man hinhört, haben die Schulden, behaupten jedoch dies sei üble Nachrede. Und während seine Mutter durch das Dorf trampelt und alle beleidigt, rennt der mir hinterher und plärrt: »Ich bin sehr reich«. Ich werde das beenden. Also richte ihm aus, dass ich pünktlich zum Dorffest liefere«, redete sie sich in Rage.

Maja, die selbst keine Lust mehr hatte ins Dorf zu gehen, um Erklärungen für das seltsame Verhalten des Schwätzers abzugeben, verstand diese Wut sehr gut.

Schneewittchens Gatte, eigentlich für seine ruhige Art bekannt, musste ebenso von den sieben Zwergen beruhigt werden, da auch er nicht mehr ertragen konnte, wie dieser Baron sich seiner Frau anbiederte. 

»Ich bin froh, wenn wir von Dannen sind, meine Holde«, schnaubte er, worauf Schneewittchen über die Umzugskartons sah.

»Ich habe gern hier gelebt«, gab sie zu. »Das kleine Haus und der angrenzende Wald. Die Tiere, die Zwerge … Du. Aber glaube mir, selbst wenn er seine neuen Kleider hat, wird er keine Ruhe geben«, seufzte sie.

Ihr blonder Gatte, gleichzeitig Freund reagierte sich daraufhin bei einem mehrstündigen Schwerttraining ab.

Schneewittchen setzte sich in ihren hübschen Garten und dachte über die Zeit nach, als man ihr nach dem Leben trachtete, weil sie eine junge, schöne Königin ist. 

»Ich habe sehr gern hier gelebt. Nur diese Äpfel, die mag ich nicht mehr«, witzelte sie in Gedenken an ihre eigene Geschichte.

Am Tage des Dorffestes wurde der Baron nervös. Schneewittchen hatte ihm noch keine Kleider bringen lassen und mit jeder Stunde, die das Fest näher rückte, wurde er aggressiver.

Schneewittchen selbst war für ihn unerreichbar geworden. Ein Heer Freiwilliger hatte sich ihrem Schutz verpflichtet. Immerhin war sie eine Legende. Eine echte Adlige und die aufdringlichen Versuche des Barons wurden allen zur Last.

Während sich einige darüber amüsierten, wie er sich Tag ein und aus seiner Selbstverherrlichung hingab, erkannten andere die Gefahr.

Der Baron saß auf seinem Thron und wartete auf die bestellten Kleider.

»Dieser Neid!«, wiederholte er und rannte zum Fenster. Doch von Schneewittchen keine Spur.

Seine Gattin, selbst seit Tagen mit den Vorbereitungen für das Fest beschäftigt, stürmte schimpfend ins Büro.

»Was ist eigentlich mit diesem einflussreichen Freund? Ich dachte, er würde diesem Dorfpack ein für alle Mal das Maul stopfen. Wo man hinhört, erzählen sie Lügen! Wir seien bankrott und würden anschreiben lassen. Sie haben Wetten abgeschlossen, dass wir geliehene Designer-Kleider tragen, um zu blenden! Man hätte beim letzten Mal sogar Preisschilder gesehen, damit wir sie wieder zurück geben könnten! Was bildet sich diese neidische Pack ein? Wir sind reich!«, plärrte sie rum, worauf der Baron rot anlief.

»Und wo sind nun die Roben, die dieses Weib uns schneidern sollte?«, steigerte sie sich rein. »Dieses faule Pack braucht sich nicht zu wundern, dass sie in Hütten wohnen müssen«, schrie sie ihn an.

»Eigentlich ist sie steinreich«, funkte die Tochter dazwischen, die gelangweilt hinter ihrer Mutter herlief. »Und sie hat einen sehr attraktiven Mann«, ergänzte sie.

Da verlor der Baron die Fassung.

»Ich bin der Schönste im ganzen Land! Ihr Herz gehört mir!«, fauchte er los, worauf seine Gattin entsetzt die Luft anhielt.

»Soweit ich weiß, wollte das schon ihre fiese Stiefmutter. Ihr Herz meine ich. Hat nicht geklappt«, amüsierte sich die Tochter über diese Szenerie. »Wenn du dich ab und an auch mal mit anderen Dingen, außer dir selbst beschäftigen würdest, wüsstest du, dass Schneewittchen ihr Erbe zurück bekommt. Sie ist wahrlich sehr reich«, stellte sie klar, worauf der Baron zur Tür rannte.

»Maja. Bring mir sofort Schneewittchen hierher!«, wollte er der Büroangestellten anordnen. Aber diese war an jenem Tag nicht zum Dienst erschienen.

»Also, ich würde mir das nicht bieten lassen. Kommt einfach nicht zur Arbeit«, hetzte seine Gattin daraufhin los.

»Könnte daran liegen, dass sie seit knapp einem Jahr kein Gehalt bekommen hat«, klärte die Tochter wiederum auf, worauf ihre Mutter kreidebleich wurde.

»Was?«, empörte sie sich.

»Na, das Gehalt. Vater zahlt keins. Ist seit Wochen Stadtgespräch. Majas Gatte hat mit den Ordnungshütern gedroht, falls sie es nicht bekommt. Zudem hat er wirklich in der ganzen Gegend anschreiben lassen und mir letztens extra Taschengeld gegeben, damit ich die Klappe halte. Er hatte mit einem Mann diskutiert, der unsere Kutsche pfänden wollte. Und die Haar-Stylistin, bei der du gleich einen Termin hast, liebste Mutter, erzählt, dass er sie immer anbaggert und sie das, ich zitiere: vor den Anus findet«, petzte die Tochter munter weiter und bildete zur Abrundung eine riesige Kaugummi-Blase.

»Was geht hier vor?«, brüllte die Gattin. »Was ist mit meinem Geld geschehen?«

Doch bevor der Baron eine seiner einstudierten Ausreden aufsagen konnte, sprang die Tür auf und ein Trupp Ordnungshüter stürmte hinein.

»Das ist eine Verwechslung!«, behauptete er, als sie ihn baten, ihnen aufs Revier zu folgen.

»Ich denke nicht«, kicherte die Tochter, worauf die Gattin ohnmächtig wurde.

»Dieses Fest wird dann wohl ohne uns stattfinden«, mutmaßte die Tochter, als sie den Baron abführten. »Was soll’s. Schneewittchen hat auch einen Prinzen abbekommen. Trotz Hütte.«

»Einen lieben Gruß von Schneewittchens Mann«, richtete der Aufseher kurze Zeit später dem fluchenden Baron aus.

»Das ist ein Missverständnis!«, behauptete dieser weiter.

Der Ordnungshüter ignorierte das Gejammer und schob ihm einen grauen Zweiteiler entgegen.

»Standesgemäße Kleidung. Pünktlich zum Dorffest«.

»Das ist mir nicht gemäß! Wissen sie nicht, wer ich bin?«, schrie der falsche Baron.

»Doch. Sie sind der Schönste im ganzen Land! Aber Schneewittchen, aus der Hütte »Unter dem Berg«, bei den sieben Zwergen, ist wohl tausend mal klüger als ihr.«

- Ende -

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