A Review of Reason & Evidence
„Du hast blaue Augen und enorme Regelschmerzen?“ Mit dieser Frage beginnt ein Reel über einen vermeintlich erstaunlichen Zusammenhang. Wenig später fällt die Zahl, die beim Zuschauer hängen bleiben soll: Frauen mit blauen Augen hätten ein ungefähr 2,5-mal höheres Risiko für tief infiltrierende Endometriose.
Das klingt bemerkenswert. Vor allem klingt es nach einer Information, die für eine einzelne Frau relevant sein könnte: blaue Augen, starke Regelschmerzen – vielleicht passt das zusammen. Tatsächlich gibt es die Studie, auf die sich das Video bezieht. Auch die Zahl 2,5 stammt aus dieser Studie. Trotzdem lässt sich daraus nicht ableiten, dass eine Frau mit blauen Augen ein 2,5-mal höheres Risiko hat, an Endometriose zu erkranken.
Genau solche Fälle sind interessant, weil hier keine frei erfundene Behauptung verbreitet wird. Eine wissenschaftliche Publikation dient als Ausgangspunkt. Die Verzerrung entsteht auf dem Weg von der Publikation zum 60-Sekunden-Video.
Was die Studie tatsächlich untersucht hat
2014 veröffentlichten Paolo Vercellini und Kollegen in Human Reproduction eine Studie mit dem Titel „Behind blue eyes: the association between eye colour and deep infiltrating endometriosis“. Die Forscher verglichen Frauen mit unterschiedlichen Formen der Endometriose mit Frauen ohne bekannte Endometriose. Insgesamt wurden zunächst 771 Frauen eingeschlossen: 223 mit tief infiltrierender Endometriose, 247 mit einem ovariellen Endometriom und 301 Frauen ohne bekannte Endometriose. Nach Ausschlüssen verblieben 719 Frauen in der Analyse.
Das auffällige Ergebnis: Bei den Frauen mit tief infiltrierender Endometriose hatten ungefähr 30 Prozent blaue Augen. Bei Frauen mit ovariellen Endometriomen waren es rund 16 Prozent, bei den Kontrollen ohne bekannte Endometriose etwa 15 Prozent. Es gab also tatsächlich einen Unterschied. Blaue Augen kamen in der Gruppe mit tief infiltrierender Endometriose ungefähr doppelt so häufig vor wie in der Kontrollgruppe. Die Autoren berechneten daraus eine Odds Ratio von etwa 2,5. Und aus dieser Odds Ratio wird im Reel ein „2,5-mal höheres Risiko“.
Aber: das ist nicht dasselbe.
Aus einer Odds Ratio wird plötzlich ein Erkrankungsrisiko
Eine Odds Ratio vergleicht Chancenverhältnisse. Bei 30 Prozent beträgt die Odds 0,30 geteilt durch 0,70, also ungefähr 0,43. Bei 15 Prozent beträgt sie 0,15 geteilt durch 0,85, also rund 0,18. Das Verhältnis dieser beiden Werte liegt ungefähr bei 2,5. Mathematisch ist die Zahl damit nachvollziehbar. Sie beantwortet nur eine andere Frage als diejenige, die im Video suggeriert wird.
Die Studie zeigt, dass unter den untersuchten Frauen mit tief infiltrierender Endometriose die Odds für blaue Augen ungefähr 2,5-mal so hoch waren wie unter den Kontrollen. Sie zeigt nicht, dass eine blauäugige Frau ein 2,5-mal höheres Risiko hat, eine tief infiltrierende Endometriose zu entwickeln.
Dafür müsste man beispielsweise eine große Gruppe von Frauen mit blauen Augen und eine vergleichbare Gruppe von Frauen mit braunen Augen über Jahre verfolgen und anschließend untersuchen, wie häufig in beiden Gruppen eine Endometriose auftritt. Genau das wurde hier nicht gemacht. Die Forscher gingen den umgekehrten Weg. Sie wählten Frauen anhand ihrer Diagnose aus und untersuchten anschließend deren Augenfarbe. Das Studiendesign erlaubt daher keine direkte Berechnung des individuellen Erkrankungsrisikos.
Das führt zu einer etwas paradoxen Situation: Ausgerechnet die Zahl, die im Video am eindrucksvollsten klingt, beantwortet die für den Zuschauer naheliegendste Frage überhaupt nicht.

Wie groß ist denn nun das absolute Risiko?
Wenn eine blauäugige Frau nach dem Reel wissen möchte, um wie viel höher ihr persönliches Risiko tatsächlich ist, gibt die Studie darauf keine Antwort. Man kann aus den Daten nicht seriös sagen: Von 1.000 Frauen mit braunen Augen erkranken X, von 1.000 Frauen mit blauen Augen dagegen Y. Dafür bräuchte man populationsbezogene Erkrankungsraten für die jeweiligen Gruppen. Eine Fall-Kontroll-Studie liefert sie nicht, weil die Zahl der Erkrankten und Nichterkrankten durch die Auswahl der Untersuchungsteilnehmer bestimmt wird.
Was man aus den Daten berechnen kann, ist etwas anderes: Der Anteil blauäugiger Frauen betrug ungefähr 30 Prozent in der Gruppe mit tiefer Endometriose und 15 Prozent in der Kontrollgruppe. Der absolute Unterschied beträgt damit rund 15 Prozentpunkte. Relativ gesehen kamen blaue Augen in der Endometriosegruppe ungefähr doppelt so häufig vor.
Schon daran sieht man, wie stark die Perspektive einer Zahl ihre Wirkung verändert. „30 statt 15 Prozent der untersuchten Frauen hatten blaue Augen“ klingt deutlich weniger dramatisch als „2,5-fach erhöhtes Risiko“. Und selbst diese 30 gegenüber 15 Prozent sagen zunächst nur etwas über die Zusammensetzung der untersuchten Gruppen aus. Sie erklären nicht, warum dieser Unterschied entstanden ist.
Korrelationen brauchen keine blauen Augen als Ursache
Beobachtungsstudien sind besonders anfällig für Confounding. Damit sind Faktoren gemeint, die sowohl mit der vermeintlichen Ursache als auch mit dem untersuchten Ergebnis zusammenhängen und dadurch eine Beziehung zwischen beiden erzeugen können.
Das klassische Beispiel ist der Zusammenhang zwischen Feuerzeugen und Lungenkrebs. Menschen, die Feuerzeuge besitzen, erkranken häufiger an Lungenkrebs. Feuerzeuge sind trotzdem keine Ursache von Lungenkrebs. Rauchen erhöht sowohl die Wahrscheinlichkeit, ein Feuerzeug zu besitzen, als auch das Erkrankungsrisiko.
Bei der Augenfarbe drängt sich ein vergleichbares Problem auf. Augenfarbe ist eng mit genetischer Abstammung und geografischer Herkunft verbunden. Blaue Augen sind auch innerhalb Europas keineswegs gleichmäßig verteilt. Wenn sich zwei Gruppen hinsichtlich ihrer Herkunft unterscheiden, können deshalb Unterschiede in der Augenfarbe auftreten, ohne dass die Augenfarbe selbst irgendeine biologische Bedeutung für die Erkrankung besitzt.
Hinzu kommt ein mögliches Selektionsproblem. Die Frauen mit Endometriose wurden in einem spezialisierten universitären Zentrum untersucht. Solche Zentren behandeln nicht zwangsläufig dieselbe Population wie eine allgemeine gynäkologische Versorgung. Frauen mit schweren oder ungewöhnlichen Krankheitsverläufen können aus einem größeren geografischen Raum überwiesen werden. Die Kontrollgruppe kann dagegen stärker aus der lokalen Bevölkerung stammen. Genau dadurch können Unterschiede entstehen, die mit der eigentlichen Erkrankung wenig zu tun haben.
Statistische Korrekturen lösen dieses Problem nur teilweise. Man kann nur für Faktoren kontrollieren, die bekannt sind und tatsächlich gemessen wurden. Residuales Confounding verschwindet nicht dadurch, dass eine Studie eine große Tabelle mit p-Werten enthält.
Die wissenschaftlich interessante Frage lautet deshalb nicht: „Ist der Unterschied statistisch signifikant?“ Sie lautet: „Welche konkurrierenden Erklärungen gibt es für den beobachteten Unterschied – und wie gut kann die Studie sie ausschließen?“
Bei dieser Studie ist die Antwort: keineswegs vollständig.
Eine plausible Geschichte ist noch kein Mechanismus
Im Reel wird anschließend eine mögliche biologische Erklärung geliefert. Vielleicht gebe es genetische Zusammenhänge zwischen der Augenfarbe und Mechanismen der Endometriose. Eine weitere Hypothese betrifft die Lichtempfindlichkeit heller Haut- und Augenphänotypen: Menschen mit heller Pigmentierung könnten Sonnenlicht stärker meiden, dadurch niedrigere Vitamin-D-Spiegel haben und deshalb wiederum ein höheres Endometrioserisiko besitzen.
Das klingt plausibel. Es wurde in dieser Studie nur nicht untersucht.
Die Forscher haben keine für diesen Zusammenhang relevanten genetischen Varianten analysiert. Sie haben keine Vitamin-D-Spiegel gemessen und keine Sonnenexposition erhoben. Die Studie kann deshalb weder die genetische noch die Vitamin-D-Erklärung belegen.
Das ist ein häufiges Muster in der Kommunikation von Beobachtungsstudien. Zunächst findet sich eine Korrelation. Danach sucht man nach einem biologisch plausiblen Mechanismus. Sobald beides nebeneinandersteht, entsteht beim Leser schnell der Eindruck, die Korrelation sei durch diesen Mechanismus erklärt.
Aber Plausibilität ist kein Nachweis.
Für fast jede epidemiologische Beobachtung lässt sich im Nachhinein eine biologisch klingende Geschichte entwickeln. Wissenschaftlich interessant wird sie erst dann, wenn diese Geschichte eigene, überprüfbare Vorhersagen erzeugt und anschließend getestet wird.
Und die Regelschmerzen?
Auch die Einleitung des Videos verdient einen zweiten Blick. Die Verbindung von blauen Augen mit „enormen Regelschmerzen“ macht das Thema unmittelbar persönlich. Wer starke Menstruationsschmerzen und blaue Augen hat, soll sich wiedererkennen.
Nur hat die Studie diese Frage gar nicht untersucht.
Sie untersuchte den Zusammenhang zwischen Augenfarbe und diagnostizierten Formen der Endometriose. Sie zeigte nicht, dass blauäugige Frauen stärkere Regelschmerzen haben. Sie zeigte auch nicht, dass innerhalb der Gruppe von Frauen mit Endometriose die Schmerzintensität bei blauäugigen Frauen höher war.
Aus „blaue Augen waren bei Frauen mit einer bestimmten Form der Endometriose häufiger“ wird damit bereits im Einstieg „blaue Augen plus starke Regelschmerzen könnten zusammenhängen“.
Das ist eine andere Behauptung.
Das eigentliche Problem heißt nicht Instagram, sondern Medfluencer-Logik
Hier wird der Fall grundsätzlicher. Medizinische Informationen auf Social Media sind nicht automatisch schlecht. Im Gegenteil: Ärzte, Wissenschaftler und andere Fachleute können komplexe Themen dort für ein großes Publikum zugänglich machen.
Das Format erzeugt aber einen Konflikt.
Wissenschaft lebt von Einschränkungen: „in dieser Stichprobe“, „unter diesen Bedingungen“, „assoziiert mit“, „kann nicht kausal interpretiert werden“, „weitere Untersuchungen notwendig“. Social Media belohnt dagegen Klarheit, Überraschung und persönliche Relevanz. „In einer italienischen Fall-Kontroll-Studie waren blaue Augen bei Frauen mit tief infiltrierender Endometriose häufiger“ ist wissenschaftlich ziemlich nah am Befund. Es ist nur kein besonders guter Einstieg für ein virales Reel.
„Du hast blaue Augen und enorme Regelschmerzen?“ funktioniert besser.
Genau hier liegt das Medfluencer-Problem. Medizinische Influencer transportieren nicht nur Informationen. Sie transportieren gleichzeitig fachliche Autorität. Wenn eine Ärztin, ein Arzt oder eine andere medizinische Fachperson eine Aussage vorträgt, klingt sie für Zuschauer anders als dieselbe Aussage eines beliebigen Lifestyle-Accounts.
Damit steigt auch die Verantwortung für die Präzision.
Aus einer Odds Ratio sollte deshalb nicht beiläufig ein individuelles Risiko werden. Aus einer Korrelation keine Ursache. Aus einer im Diskussionsteil genannten Hypothese kein erklärter Mechanismus. Und aus einer Beobachtung bei einer spezifischen Patientengruppe keine persönliche Warnung für jeden Menschen mit einem bestimmten körperlichen Merkmal.
Das Problem ist nicht, dass Informationen vereinfacht werden. Gute Wissenschaftskommunikation muss vereinfachen. Das Problem beginnt dort, wo die Vereinfachung die Bedeutung des Befundes verändert.
Hinzu kommt die Logik der Plattformen selbst. Algorithmen belohnen Inhalte, die Aufmerksamkeit erzeugen. Überraschende Zusammenhänge sind dafür ideal: Kaffee und Krebs. Süßstoffe und Demenz. Schlafposition und Alzheimer. Blaue Augen und Endometriose. Ein kleiner statistischer Zusammenhang kann als starke Botschaft erheblich besser funktionieren als eine methodisch korrekte Einordnung.
Der Medfluencer steht damit in einem System, das wissenschaftliche Vorsicht nicht unbedingt belohnt.
Das entschuldigt schlechte Wissenschaftskommunikation nicht. Es erklärt aber, warum sie so häufig entsteht.
Was spätere Forschung zeigt
Der Zusammenhang zwischen Pigmentierungsmerkmalen und Endometriose ist übrigens nicht vollständig aus der Luft gegriffen. Andere Beobachtungsstudien haben ebenfalls Assoziationen zwischen heller Pigmentierung und Endometriose beschrieben. Eine italienische Fall-Kontroll-Studie aus dem Jahr 2010 fand beispielsweise einen Zusammenhang zwischen hellen Augenfarben und Endometriose.
Eine größere italienische Multicenter-Studie mit 575 Frauen mit histologisch bestätigter Endometriose konnte 2022 jedoch nicht einfach die Botschaft „blaue Augen = tiefe Endometriose“ reproduzieren. Dort fiel stattdessen eine Assoziation grüner Augen mit ureteraler Endometriose auf.
Auch die große Nurses’ Health Study II untersuchte Zusammenhänge zwischen Pigmentierungsmerkmalen und Endometriose. Über 116.000 Frauen wurden über viele Jahre beobachtet. Dabei fanden sich kleine Zusammenhänge mit verschiedenen Pigmentierungsmerkmalen. Ausgerechnet die Augenfarbe konnte dort jedoch nicht analysiert werden, weil sie in der Kohorte nicht erhoben worden war.
Das Gesamtbild ist damit erheblich komplizierter als ein 60-Sekunden-Video vermuten lässt.
Es gibt Hinweise darauf, dass Pigmentierungsphänotypen statistisch mit bestimmten Formen oder Merkmalen der Endometriose zusammenhängen könnten. Ob dahinter gemeinsame genetische Faktoren, andere biologische Mechanismen, Populationsunterschiede, Selektionsmechanismen, Confounding oder mehrere dieser Faktoren gleichzeitig stehen, ist damit nicht geklärt.
Ein klinisch brauchbarer Risikomarker „blaue Augen“ lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten.
Was von den 2,5 am Ende übrig bleibt
Die Studie von Vercellini und Kollegen enthält einen interessanten Befund: In ihrer Stichprobe hatten Frauen mit tief infiltrierender Endometriose häufiger blaue Augen als Frauen der Vergleichsgruppen.
Mehr kann man zunächst nicht daraus machen.
Die Studie zeigt kein 2,5-fach erhöhtes individuelles Erkrankungsrisiko. Sie liefert keine absolute Risikodifferenz zwischen blau- und braunäugigen Frauen. Sie zeigt keinen kausalen Einfluss der Augenfarbe. Sie untersucht weder Vitamin D noch einen genetischen Mechanismus und auch keinen Zusammenhang zwischen Augenfarbe und Stärke der Regelschmerzen.
Das alles macht die Studie nicht schlecht. Beobachtungsstudien sind dazu da, Zusammenhänge zu entdecken und Hypothesen zu erzeugen. Problematisch wird es erst, wenn aus einer solchen Hypothese auf dem Weg zu Social Media eine persönliche medizinische Risikobotschaft wird.
Wer blaue Augen hat, muss sich wegen seiner Augenfarbe keine zusätzlichen Sorgen über Endometriose machen. Wer dagegen starke oder ungewöhnliche Menstruationsbeschwerden hat, sollte sie medizinisch abklären lassen – unabhängig davon, ob die Iris blau, grün oder braun ist.
Vielleicht ist das die interessantere Geschichte hinter dem Reel: Nicht, dass Social Media ständig falsche Studien zitiert. Oft sind die Studien real. Die Zahlen sind real. Manchmal ist sogar der statistische Zusammenhang real.
Nur die Schlussfolgerung ist größer geworden als die Daten.
Quellen: Vercellini P. et al. (2014): Behind blue eyes: the association between eye colour and deep infiltrating endometriosis. Human Reproduction, 29(10), 2171–2175. Somigliana E. et al. (2010): Untersuchung zu Pigmentierungsmerkmalen und Endometriose. Weitere Einordnung durch nachfolgende italienische Multicenter-Untersuchungen zu Augenfarbe und Endometriose-Phänotypen sowie die Nurses’ Health Study II zu kutanen Pigmentierungsmerkmalen und Endometriose.
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