Lies... bis du stirbst

Lies... bis du stirbst

Feb 21, 2025

Der Schneesturm hatte die Welt fast vollkommen verschluckt. Keine Wege vor den Augen, keine anderen Geräusche als das brüllende Toben des unerbittlichen Windes in den Ohren – nur das endlose Weiß, das Elias wie ein lauerndes Tier umkreiste. Er wusste nicht, was ihn stärker zittern ließ: die Kälte des Sturms oder die Tatsache, dass in diesem Wetter kaum eine Möglichkeit der Orientierung bestand? Wohin ging er? Wohin wollte er überhaupt gehen?

Als hätte ihn jemand gehört, nahm er einen winzig kleinen Punkt in der Ferne wahr. Er kniff die Augen zusammen, um sie vor den heranwehenden Schneeflocken zu schützen und erkannte ein gelblich flackerndes Quadrat.

Ein Orientierungspunkt.

Ganz egal, was es war. Er musste dorthin.

Mit schweren Schritten schleppte er sich vorwärts. Der Wind nahm zu, wehte ihm immer stärker ins Gesicht, als würde sich derjenige, der ihm gerade das Licht gezeigt hatte, nun umentscheiden und ihn mit aller Kraft daran hindern wollen, sich seinem neuen Ziel zu nähern. Die Kälte biss ihm in die Lippen, seine Augen tränten, Schweiß rann ihm von der Stirn. Mit aller Kraft mühte er sich vorwärts, dem Licht entgegen, dass nun deutlicher wurde, größer, heller.

Es war ein Hüttenfenster.

Das erklärte das Flackern. In der Hütte schien jemand eine Kerze aufgestellt zu haben, die vom durch die scheinbar undichten Fenster hereinwehenden Wind immer wieder in Unruhe versetzt wurde.

Elias kämpfte nun noch entschlossener gegen den Sturm an. Wenn jemand in der Hütte war, dann konnte er dort nach Schutz suchen. Nur bis der Sturm vorbei war, dann würde er sich wieder auf den Weg machen.

Hoffentlich ließ ihn der Bewohner ein.

Das Licht wurde größer und größer. Als Elias die Hütte erreichte, konnte er endlich durchatmen. Im Schutz der steinernen Mauern hatte er endlich Ruhe vor dem Sturm. Zwar hatte die Geräuschkulisse noch nicht nachgelassen, aber wenigstens stob ihm der Schnee nicht mehr ins Gesicht und er konnte ungehindert schauen, was sich um ihn herum befand.

Zumindest könnte ich das, dachte er sich, wenn durch den Sturm nicht alles um mich herum weiß wäre…

Er wandte sich der Hütte zu und sehnte sich nach der wohligen Wärme eines Kaminfeuers – oder Ölradiators. Irgendetwas, woran man sich wärmen konnte…

Die hölzerne, verwitterte Eingangstür machte keinen allzu stabilen Eindruck im Anbetracht des Sturmes. Aber sie war dicht.

Elias klopfte.

Keine Antwort.

Er klopfte noch einmal. Lauter.

Die Tür schwang auf, leise, langsam, nur einen kleinen Spalt. Als hätte sie jemand nur angelehnt oder von innen geöffnet, um sich dann dahinter zu verstecken.

Elias schob sie langsam weiter auf.

„Hallo?“, fragte er über das Knarren der sich öffnenden Tür in den leeren, durch das Flackern der Kerze erleuchteten Raum. „Ist hier jemand?“

Immer noch keine Antwort.

Er trat ein und spähte um die Tür herum. Niemand.

Verwundert schob er die rettende Barriere vor dem Sturm ins Schloss. Endlich etwas Ruhe.

Doch eben diese Ruhe im Raum löste bei Elias Unruhe aus.

Warum hatte jemand eine Kerze brennen lassen?

Warum war es hier warm, als ob jemand gerade eben noch den Kamin betrieben hätte?

Und warum … stand eine dampfende Tasse Tee auf dem Tisch mitten im Raum?

„Ich will wirklich nicht stören“, sagte er, weil er sich sicher war, dass hier jemand sein musste, „aber da draußen ist die Hölle los und ich brauche einen Schutz vor diesem Schneesturm. Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich kurz hier an der Tür warte, bis der Sturm vorbei ist.“

Keine Antwort.

Eine drückende, unangenehme Stille klingelte in Elias‘ Ohren.

Hier ist doch jemand, oder?, fragte er sich selbst. Wieso sonst das Licht, die Wärme und der Tee dort?

Er trat ein paar Schritte in den Raum und schaute sich weiter um. An der Garderobe hing eine Winterjacke, noch nass vom Schnee. Darunter Winterschuhe mit Eisspikes, um über potenzielle Eisstellen gehen zu können, ohne auszurutschen. Daneben ein Wanderrucksack, geöffnet, als hätte gerade erst jemand etwas darin gesucht.

Dann sah er das Buch.

Auf dem Tisch.

Aufgeklappt.

Neugierig näherte er sich, wobei er immer wieder vorsichtige Blicke zur Seite warf, als würde er erwarten, dass gleich ein bewaffneter Schatten aus der Dunkelheit auf ihn zustürzen würde.

Der Geruch des Pfefferminztees stieg ihm in die Nase. Frisch gebrüht und kochend heiß. Der Teebeutel lag auf der Untertasse daneben und qualmte geheimnisvoll vor sich hin.

„Hallo?“, rief er noch einmal in den Raum. „Ich bin unbewaffnet und tue Ihnen nichts! Ich suche nur Schutz vor dem Wetter!“

Wieder. Keine Antwort.

Er wandte sich wieder dem Buch zu und nahm es in die Hand. Das Leben des Elias Weidler.

Aber…

Das… bin ich…

Das Buch fiel ihm aus der Hand. Was ging hier vor?

Er ließ einen weiteren hastigen Blick durch die Hütte schweifen. Wer war der Bewohner dieser Hütte? Und warum las er etwas, das überhaupt nicht existieren konnte?

Das ist doch ein Scherz. Ein ziemlich schlechter noch dazu…

Elias hatte keine Biografie geschrieben, dafür war er viel zu normal und gewöhnlich. Niemand würde das lesen wollen und doch…

Hier lag sie.

Das Leben des Elias Weidler.

Wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt ging er in die Knie und hob das fallen gelassene Buch auf.

Dafür muss es eine logische Erklärung geben.

Er begann zu lesen.

Mit jedem Absatz nahm seine Unruhe zu. Die Angst stieg. Der Schneesturm vor der Tür schien ihm vor wenigen Minuten noch eine Gefahr gewesen zu sein, doch jetzt war er sich nicht mehr sicher. Bot ihm der Schneesturm doch mehr Sicherheit als diese Hütte?

Das kann nicht sein. Wie kann das hier drinstehen?

Wie gebannt las er Abschnitt über Abschnitt, Satz um Satz, Wort für Wort – unterbewusst griff er nach der Tasse Tee, zögerte kurz und trank – trotz der Frage, wer diese Tasse hier hingestellt hatte.

Genau richtig temperiert. Auf seine Bedürfnisse abgestimmt.

In der Biografie stimmt alles. Selbst Dinge, die ich nie jemandem erzählt habe…

Dann erreichte er das Ende des Buches.

Und ein Schauer lief ihm über den Rücken.

Elias kämpfte sich mit aller Kraft durch einen der schlimmsten Schneestürme, den die Region seit langem gesehen hatte. Ahnungslos, dass es nicht der Schneesturm war, der ihn in Gefahr bringen würde, lief er Schritt für Schritt seinem letzten Atemzug entgegen.

Dann veränderte sich die Perspektive im Buch. Von einem personalen Erzähler, der die Geschichte aus Elias‘ Sicht beschrieb zu…

Ich verfolgte Elias durch das Schneetreiben, lenkte ihn genau dahin, wo ich ihn haben will. In der Hütte. In meiner Hütte. Geh ruhig hinein, Elias. Mach es dir gemütlich. Lass dein Leben noch einmal an dir vorbeiziehen.

Bis es klopft...

Genau als Elias diesen Satz las…

Ein Klopfen an der Tür, die im selben Moment aufging…

„Hallo, Elias“, sagte eine düstere, knurrende Stimme vom Eingang. Das Schneetreiben war nun wieder laut und deutlich zu hören. „Ich hoffe, dir hat deine Geschichte gefallen.“

Die Gestalt trat ein.

Ein kalter Windhauch erfasste Elias. Er fröstelte, aber nicht deswegen.

Die Tür schlug zu.

Wie von Geisterhand.

Das Buch blätterte von selbst zur letzten Seite.

Dann wirst du sterben, Elias.

Der letzte Satz...


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Vielen Dank! <3

Ich warte bereits auf dich in den dunklen Schatten der nächsten Story...

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