Sie wusste nicht genau, was sie erwartet hatte. Eine plötzliche Erinnerungsrückkehr? Das Wegfallen der Last, die sie seit ihrer Rückkehr nach London begleitet und seit ihrer Erinnerung an Ashcrofts Mord sogar noch gesteigert hatte? Oder dass sie sich zumindest sofort daran erinnern konnte, wer Chiara war und warum sie sich bei ihr so sicher fühlte?
Doch während sie mit Chiara durch die kleine Stadt spazierte, um etwas frische Luft zu schnappen, waren keine Wunder geschehen. Eines war allerdings anders: Ihre Gedanken hatten sich merklich beruhigt, fast als würde sie ihre Außenwelt nur noch durch einen Filter wahrnehmen, der alle unnötigen Informationen abwehrte.
Die Straßen kamen ihr seltsam vertraut vor, doch sie konnte sich nicht zu einhundert Prozent erklären, warum – oder sich komplett sicher sein, dass sie sie in ihrem Leben schon einmal gesehen hatte. Sahen sie nicht genau so aus, wie so viele andere Straßen in Großbritannien? Immerhin sind kleine Städte hier relativ ähnlich aufgebaut. Schmale Kopfsteinerpflastergassen, geteerte Fußwege, links und rechts nicht enden wollende Reihenhäuser mit hier und da leerstehenden Ladenräumlichkeiten…
Kim ließ sich von Chiara durch die Stadt führen. Sie hatte Kim sanft an der Hand genommen und zog sie nun ohne Nachdruck von einer Straße in die nächste. Immer wieder sagte sie etwas, erklärte ihr, dass hier einmal der eine, dort mal der andere Laden gewesen ist und fragte, ob sie sich eventuell daran erinnere. Doch Kims Kopf war immer noch leer.
Und plötzlich merkte sie, wo sie war.
Sie erstarrte und Chiara wandte sich ihr lächelnd zu.
„Weißt du, wo wir sind?“, fragte sie und nahm nun auch Kims andere an.
Kim nickte. Sie war sich nicht vollkommen sicher, aber der Pub, der gerade auf der rechten Seite aufgetaucht war, löste etwas in ihrem Kopf aus, an das sie sich auf jeden Fall erinnerte.
„Wir sind in Caernarfon, richtig?“
Chiaras Lächeln wurde breiter. Kurz wirkte es, als würde sie ihr vor Freude um den Hals fallen wollen, doch sie schien sich schnell anders zu entscheiden.
„Hier bin ich wiederaufgetaucht, oder?“, fragte Kim und sah sich um, während die dunklen Wolken, die sich über ihnen zusammenzogen, mit einem kurzen Gewitter zu drohen schienen. Ein leises Grollen war in der Ferne zu vernehmen.
„Hier bist du wieder aufgetaucht“, wiederholte Chiara nun mit Tränen in den Augen. „Es war die größte Erleichterung der letzten Wochen, als ich in der Zeitung davon gelesen hatte.“
„Und dann haben sie mich ins Krankenhaus gebracht. Eine Angestellte von diesem Pub dort“, Kim zeigte auf das Dragon’s Egg, „hat den Krankenwagen gerufen und mich drinnen aufwärmen lassen. Sie… hat ständig auf die Uhr geschaut…“
Chiara hörte ihr gespannt zu. Sie hatte die Geschichte sicherlich auch gelesen oder gehört, doch es war etwas Anderes, sie von Kim persönlich erzählt zu bekommen.
„Dann war ich im Krankenhaus…“
Doch an mehr konnte sie sich nicht erinnern. Mit leicht offenem Mund schaute sie Chiara an. Dann musste sie lächeln.
Zum ersten Mal seit sie sich erinnern konnte.
„Ich erinnere mich daran!“
Diesmal konnte sich Chiara nicht zurückhalten und nahm Kim in die Arme.
„Du erinnerst dich“, wiederholte sie. „Das ist deine Chance, Kimmy.“
Das Grollen im Hintergrund wurde lauter. Chiara warf einen unruhigen Blick auf die dunkel drohende Wolkenfront und nahm erneut Kims Hand.
„Wir müssen weiter. Es regnet sicher bald. Ich kenne hier in der Nähe eine kleine Unterkunft. Dort können wir das Gewitter aussitzen.“
Sie zog Kim gerade am Dragon’s Egg vorbei, als diese einen Blick in das Innere werfen wollte.
Und eine Frau entgeistert zurückblickte.
Das ist sie.
Die Ermittlerin.
Die glaubt, ich habe Ashcroft ermordet…
Sie ließ Chiaras Hand los und begann zu rennen.
„Kim!“
Doch Kim war bereits um eine Ecke gebogen. Chiara konnte sie gerade eben noch am Arm packen, bevor sie sich komplett verlaufen würde…
„Kim! Hier rein!“
Chiara schob einen Schlüssel in eine nahegelegene Tür und zog Kim in das dahinterliegende Reihenhaus. Dann sperrte sie die Tür hinter Kim ab und wandte sich ihr zu.
„Was war das denn? Warum bist du vor mir weggelaufen?“
Kims Puls beruhigte sich nur langsam. Ihre Hände zitterten unkontrolliert und sie versuchte langsam zu atmen, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Doch wie konnte sie das tun, wenn nur wenige Meter von ihr entfernt eine Frau war, die sie festnehmen und für immer wegsperren wollte?
„Ich… ich habe sie gesehen“, sagte sie.
„Wen?“
„Die Frau, die mich vernommen hat. Die glaubt, ich hätte Ashcroft umgebracht.“
Chiaras Augen weiteten sich. Sie legte ihre Hände auf Kims Arme.
„Wo hast du sie gesehen?“
Kim deutete auf die Tür hinter Chiara.
„Da. In dem Pub.“
„Aber…“
Chiara runzelte die Stirn und warf einen Blick über die Schulter, als könne sie durch die Tür hinter sich auf die Straße blicken.
„Woher soll sie wissen, dass du hier bist? Ich war so vorsichtig.“
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Sie wird nicht erwarten, dass du hier bist. Und sie weiß auf keinen Fall, dass du bei mir bist.“
Sie ließ Kim los und ging an ihr vorbei, wobei sie konzentriert auf den Boden blickte.
„Auf keinen Fall“, murmelte sie. „Die Polizei kann nicht wissen, wer ich bin. Und sie können nicht wissen, dass ich hier ein Haus habe. Dieses Haus.“
Sie wandte sich wieder Kim zu, die sie stirnrunzelnd beobachtet hatte.
„Vielleicht hast du sie dir nur eingebildet?“
Kim überlegte. Sie hatte der Frau ins Gesicht geblickt. Oder? Hatte ihr ihr Verstand wieder nur einen Streich gespielt? Vielleicht war es auch einfach nur eine andere Frau gewesen, die ihr ähnlich gesehen hatte?
„Wir sind hier sicher, Kim. Vertrau mir.“
Welche andere Wahl habe ich?
Sie nickte und trat von der Tür weg.
Chiara hatte Recht.
Es war höchst unwahrscheinlich, dass die Polizei sie so weit von London entfernt schon jetzt aufgespürt hatte. Sie war hier sicher.
***
Eleanor schaute gedankenverloren aus dem Fenster des Pubs, durch das sie vor einer knappen Stunde Kim Westwood gesehen hatte. Es passte alles zusammen. Die anonyme Mitteilung, dass Kim in Wales sei. Die Spur zu Scarsdale Whittingham und Caerlight Ltd.. Dazu das Foto, das auf dem Campingplatz aufgenommen worden war.
„Ich sag’s dir, Harris“, sagte sie. „Das war Kim Westwood. Sie hat mir direkt in die Augen geschaut und ich hab dieselbe Verwirrung und Angst gesehen, die sie schon bei der Vernehmung gezeigt hat. Und ich glaube, sie hat mich erkannt.“
Harris stellte seine Cola zurück auf den Tisch und lehnte sich nach vorn.
„Ich würde das ja gern glauben“, begann er, „aber die Wahrscheinlichkeit, dass Kim Westwood ohne Aufruhr durch eine Kleinstadt wie Caernarfon spaziert ist doch recht gering, meinst du nicht?“
„Und wie ist dann das Foto entstanden? Auch da muss sie ja durch die Gegend spaziert sein, oder?“
Harris lehnte sich zurück und runzelte die Stirn. Immer wieder wanderte sein Blick zur attraktiven Barkeeperin, die nun die Familie bediente.
„Vor ein paar Stunden wäre ich noch voll darauf eingestiegen“, sagte er, „aber mittlerweile habe ich meine Zweifel. Paisley ist nicht, wer er vorgibt zu sein. Wir haben immer noch nichts über diese ominöse Firma herausgefunden, die Faulkner erwähnt hat, und irgendwas scheint er uns ja auch verborgen zu haben, wie du sagtest. Meinst du nicht, dass das erstmal drängendere Dinge sind?“
Eleanor ließ den Blick erneut aus dem Fenster schweifen. Die Sonne war nun wieder in voller Kraft am Werk und trocknete die durchnässten Pflastersteine. Vereinzelt wagten sich auch wieder mutige Touristen ins Freie.
„Ich glaube, dass Kim Westwood der Schlüssel zu dem Ganzen ist, Harris. Wenn wir sie haben, führt uns das letztendlich zu den wahren Tätern.“
„Wie?“
„Das weiß ich noch nicht.“
Harris schüttelte resigniert den Kopf.
„Gut. Wo setzen wir an? Wo ist sie hin? Immerhin ist sie ja schon wieder spurlos verschwunden, oder? Was ist unser nächster Schritt?“
Eleanor tippte mit den Fingern auf den Tisch. Eben das war ihr Problem. Sie hatte Kim Westwood gesehen und sie erneut aus den Augen verloren. Es gab keinerlei Ansätze, die sie untersuchen könnte. Zähneknirschend musste sie zugeben, dass Harris wohl recht hatte. Ohne Spur führte kein Weg zu Westwood. Sie atmete durch.
„Okay, überzeugt“, sagte sie. „Paisley wäre für mich der erste Ansatz. Der Typ ist eindeutig ein Lügner.“
„Wie Faulkner auch“, konterte Harris.
„Möglich, aber bei dem wissen wir nicht, worüber er gelogen hat und was er uns verbirgt. Bei Paisley schon.“
„Also laufen wir jeder Spur nach, aber immer nur zur Hälfte? Dann finden wir was Neues und laufen dorthin? El, wir müssen uns langsam fokussieren.“
Eleanor ging immer noch die Fast-Begegnung mit Kim Westwood und die Unterhaltung mit Paisley durch den Kopf. Sie spürte, dass Harris zum zweiten Mal in kurzer Folge richtig lag und durfte jetzt nicht die Kontrolle über die Vorgehensweise verlieren. Vielleicht war die einzig richtige Vorgehensweise dafür, mal kurzzeitig die Zügel aus der Hand zu geben.
„Okay, Harris“, sagte sie. „Dann schlag unsere Vorgehensweise vor. Überzeug mich.“
Harris setzte sich auf, deutlich überrascht aber auch bestrebt, seine Gelegenheit zu nutzen.
„Unsere Hauptgründe, warum wir hier sind, sind die Nachricht an dich, dass Kim Westwood hier ist und deine Recherche zu Scarsdale Whittingham und Caerlight Ltd.. Da wir absolut keine Ahnung haben, wo wir wegen Westwood anfangen können, fahren wir am besten zu diesem unaussprechlichen See und schauen uns dort um.“
„Die Autovermietung liegt in Bangor…“, begann Eleanor, doch Harris fuhr direkt dazwischen.
„… und Bangor priorisieren wir nicht, weil wir keine Adresse haben, die wir untersuchen können, oder?“
Eleanor warf einen Blick zur Barkeeperin, die nun mit dem Essen für die Familie zurückkam. Dann schaute sie fragend zu Harris.
„Nein“, sagte er nur, wohlwissend, auf was sie anspielte. „Das werde ich nicht.“
„Das ist das erste Mal, dass du dich weigerst, eine gut aussehende Dame nach etwas Persönlichem zu fragen, Harris. Das sind ja ganz neue Seiten…“
Er unterdrückte ein Grinsen, bevor er wieder mit ernster Miene fortfuhr.
„Paisley ist nicht unser Hauptfokus. Wir brauchen ein Auto, dann Informationen zu diesem Grundstück am See, im Idealfall einen Hinweis auf Verbindungen zu der Stiftung. Wenn dort aber doch nichts ist, wissen wir ja immer noch, wo wir die Dame hier finden, oder?“
Eleanor nickte, doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie beide ein klein wenig Hilfe von außen nicht ablehnen würden.
„Meinst du, wir sollten Stevenson updaten?“, fragte sie. „Nur, um unsere Situation darzustellen…“
„Du willst Chef aus dem Urlaub anrufen?“, fragte Harris und konnte sich ein Grinsen nun nicht mehr verkneifen.
„Er ist der Einzige, der weiß, was wir hier wirklich tun. Und er kann uns helfen.“
„Und er könnte weiter von diesem schmierigen Typen kontrolliert werden.“
Seit dem Mittagessen war Harris‘ Logik unbestechlich gewesen. Scheinbar hatte die Schärfe seines Essens auch seinen Verstand geschärft. Eleanor atmete durch.
„Gut“, beendete sie die Unterhaltung. „Also dann nach Bangor, an den See und zurück zum B&B, um alles auszuwerten?“
Harris nickte zufrieden.
Als sie den Pub verließen, wanderte Eleanors Blick erneut die Straße hinauf. In die Richtung, in die Kim Westwood und ihre Begleiterin verschwunden waren. Intuitiv machte sie einige Schritte dorthin, bevor Harris sie aufhalten konnte.
„Was machst du?“, rief er ihr hinterher.
„Ich muss was überprüfen“, sagte sie, obwohl sie nicht genau wusste, was sie überhaupt tat.
Sie ging ein paar Schritte weiter und ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen. Sobald sie die beiden gesehen hatte, war sie so schnell wie möglich aus dem Pub gelaufen. Als sie draußen war, erschien die Straße wie leergefegt.
Es gab hier nur eine Möglichkeit, wohin die beiden hätten flüchten können. Ein Hauseingang, der auf einer nach rechts abgehenden Straße sichtbar warHa und als einziger so wirkte, als wäre er unbewohnt.
„Was tust du hier?“, fragte Harris erneut, der sie nun eingeholt hatte.
„Das ist die einzige Möglichkeit, Harris“, sagte Eleanor und deutete auf die grüne Tür vor ihr. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Kim in einem bewohnten Haus untergekommen ist, ist gleich null. Aber der Eingang ist unbewohnt.“
Harris spähte von außen durch das Fenster.
„Hier wohnt definitiv niemand“, sagte er. „Mach dir keinen Stress mit Kim, Eleanor. Lass uns auf das Wesentliche fokussieren.“
Eleanor legte die Hand auf die Türklinke und rüttelte.
Nichts geschah.
Doch sie meinte, hinter der Tür Bewegungen hören zu können.
„Der Bus kommt in fünf Minuten“, drängte Harris. „Wir müssen los, sonst warten wir noch eine halbe Stunde.“
Widerwillig trat Eleanor von der Tür weg und schloss sich Harris auf dem Weg zur Haltestelle an.
Sie war sich sicher, dass sie von jemandem beobachtet worden war…
Nicht aus dem Haus, das leer stand – sondern dem daneben.
Und es war nicht Kim.
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