Die warmen Strahlen der aufgehenden Sonne berührten ihre Wange und fühlten sich angenehm beruhigend an. Sie roch das blumige Wäscheparfüm, das von der schweren Daunendecke, unter der sie lag, auszugehen schien.
Ihre wurde erst, als sie die blassgrüne Tapete und den schwarzen Leuchter an der Decke wahrnahm, bewusst, was sie im bisherigen Halbschlaf noch nicht wahrgenommen hatte.
Hier stimmt etwas nicht.
Dann: Wo bin ich?
Sie nahm einen warmen Arm um ihre Taille wahr. Er fühlte sich an wie eine Fessel. Ein eisiger Schauer durchzog sie. Ihr Atem beschleunigte sich, als sie ihren Kopf langsam zur Seite drehte.
Wer ist das?
Sie schaute auf die Frau neben ihr. Die langen, blonden Haare fielen ihr sanft in das junge, hübsche Gesicht. Sie konnte nicht älter sein als sie selbst. In ihrem Gesicht zeigten sich nicht die geringsten Anzeichen von Panik und Verwirrung, die Kim Westwood mittlerweile regelmäßig in ihren eigenen Spiegelbildern erkennen konnte.
Kim drehte den Kopf wieder zurück und starrte an die Decke. Der Arm der Schlafenden lag immer noch schwer auf ihrer Taille, während Kim sich krampfhaft versuchte zu erinnern, wer die Besitzerin war und wie sie selbst in diesem Bett gelandet sein soll.
Ihre Gedanken rasten. Seit dem Verlassen des Yards war alles wie in einem Film an ihr vorbeigezogen. Sie erinnerte sich daran, wie sie zum Bahnhof Euston gelaufen war, wie Leute sie angestarrt hatten und ein Mann sie sogar angesprochen und – als sie nicht reagierte – am Arm gepackt hatte.
Sie war losgerannt, obwohl sie wusste, dass irgendjemand sie bestimmt stoppen würde. Ein ausgestelltes Bein, ein Passant, der im falschen Moment vor ihr auftauchen und sich ihr in den Weg stellen würde – doch nichts dergleichen war geschehen. Stattdessen hatte sie den Bahnhof erreicht und wusste nicht einmal, was sie hier wollte.
Folge mir, Kim.
Und plötzlich war sie nicht mehr in London, sondern in einer ländlichen Region mit grünen Hügeln, auf denen Schafe weideten. Vereinzelte Steincottages zogen auf der langen, mit Steinmauern begrenzten Straße, die durch eben jene Hügel führten, an ihr vorbei. Sie hatte in einem Auto gesessen und war verwirrt über den plötzlichen Sprung in eine, wie es ihr schien, komplett andere Realität gewesen. Im Radio lief Popmusik, die ihr seltsam vertraut war, obwohl sie nicht sagen konnte, welches Lied sie hörte. Dann hatte sie sich gefragt, warum und – noch viel wichtiger – in wessen Auto sie saß?
Doch noch bevor sie sich umschauen konnte, noch bevor sie irgendeinen Orientierungspunkt hatte finden können, hatte sie hier in diesem Bett die Augen aufgeschlagen und den Arm einer fremden, wunderschönen Frau auf ihrer Taille.
Sie muss gefahren sein, als ich im Auto gesessen habe. Wie lange ist sie schon bei mir? Wer ist sie? Ist sie die Frau aus meiner Erinnerung?
Ein tiefer Atemzug und ein leichtes Zucken des Arms sagten ihr, dass die Fremde langsam wieder zu sich kam. Erneut wandte sie ihr ihren Kopf zu, während die Unbekannte sich auf den Rücken drehte und die Arme streckte. Dann öffnete sie die Augen, sah zu Kim und lächelte.
„Hey“, sagte sie mit verschlafener Stimme. „Du bist wach. Endlich.“
Sie strich Kim sanft mit den Fingerspitzen durch die spröden Haare, die sich anstrengen musste nicht zurückzuzucken.
„Endlich schaust du mich an.“
Kim konnte Tränen in den Augen der unbekannten Frau erkennen, doch konnte sie nicht verstehen. Warum weinte sie, während ihr Lächeln immer noch ein Lächeln blieb?
„Entschuldige. Ich bin kindisch“, sagte die Fremde. „Ich kann endlich mit dir reden und heul dir stattdessen was vor.“ Sie atmete tief durch, scheinbar rang sie um Fassung. „Hast du gut geschlafen, Kimmy?“
Ein einziges Wort hatte gereicht, um sie wieder aus der Realität abschweifen zu lassen.
Kimmy…
Der Mann vor ihr zog an seiner Zigarre. Dicker, stinkender Rauch stieg in die Luft des mit Bücherregalen ausgestatteten Aufenthaltsraums. Sie wusste nicht, wer ihr gegenübersaß, doch er kam ihr merkwürdig vertraut vor.
„Was hat das zu bedeuten, Kimmy?“, fragte er und ruckte mit dem Kopf in Richtung Tür.
Kim folgte seinem Nicken, doch die Tür war geschlossen. Sie konnte ein leises Wimmern dahinter vernehmen.
Der Mann zog fragend die Augenbrauen nach oben und schaute sie an. Als sie nicht antwortete, zog er erneut an seiner Zigarre, stieß den Rauch aus und legte sie mit glimmender Spitze auf den silbernen Aschenbecher. Dann stand er auf und ging auf Kim zu.
„Was hat das zu bedeuten? Willst du, dass ich dich wegschicken muss?“
Ihr brannten Tränen in den Augen.
„Nein“, flehte sie. „Nein, bitte schick mich nicht dorthin. Bitte.“
Doch sein Blick sagte ihr alles, was sie befürchtet hatte. Er hatte seinen Entschluss schon längst gefasst. Es war egal, ob sie es ihm sagte oder nicht. Sie wusste, dass er sie definitiv wegschickte, aber sie wollte auf keinen Fall dorthin.
Und dann sagte sie etwas, das sie wieder in die Gegenwart zurückholte.
„Bitte, Dad.“
Der Mann senkte wortlos den Kopf…
Und wie aus dem Nichts war Kim zurück im Bett. Die Fremde, die gerade eben noch neben ihr gelegen hatte, war nicht mehr zu sehen, doch sie konnte in einem angrenzenden Raum jemanden arbeiten hören. Das Brutzeln einer Pfanne stieg ihr in die Nase und sie roch frisch gebrühten Kaffee. Vorsichtig setzte sie sich auf und ließ sich die eben durchlebte Erinnerung durch den Kopf gehen.
Aus irgendeinem Grund war ihr bewusst, dass der Mann, den sie eben gesehen hatte, ihr Vater war. Er hatte ihr so ähnlich gesehen. Doch während ihrer Zeit bei Lydia und Tim war er ihr nicht ein einziges Mal begegnet. Warum? War das die endgültige Bestätigung, dass sie mit ihrer Intuition richtig gelegen hatte und Lydia und Tim gar nicht wirklich ihre Familie waren?
Nein, das war nicht möglich. Auch Tim ähnelte dem Mann aus ihrer Erinnerung zu sehr. Die Augen, die Haarfarbe – die beiden waren definitiv verwandt und das bedeutete, dass Kim tatsächlich Tims Schwester war und damit auch Lydias Tochter.
Plötzlich wurde ihr unwohl. Wieso war sie nicht zurück ins Haus ihrer Familie gegangen? Stattdessen war sie hier, mit einer fremden Frau, fernab von Allem und Jedem, der ihr helfen konnte.
„Kim? Alles in Ordnung?“
Kim wich unwillkürlich vor der jungen Unbekannten zurück, die nun mit einem Tablett und darauf fertig angerichtetem Frühstück in der Tür erschienen war.
„Wer sind Sie? Wo bin ich? Warum bin ich nicht mehr in London?“
„Kim, beruhige dich, bitte. Ich erkläre dir alles, wenn wir wieder zu Hause sind. Vertrau mir.“
Kim schüttelte den Kopf. Erneut stieg ihr die Panik in den Kopf.
Zu Hause? Wo soll das denn sein?
„Schick mich nicht dorthin.“
Die Frau stellte das Tablett auf den Nachttisch neben dem Bett und ging mit vorsichtigen Schritten auf Kim zu.
Sie schaute ihr in die Augen und Kim spürte die Vertrautheit in ihrem Blick. Sie spürte, obwohl sie nicht wusste warum, dass sie nicht in Gefahr war. Doch ihre Gefühle hatten sie schon einmal betrogen – als sie ihrer Mutter und ihrem Bruder nicht vertraut hatte…
„Wie fühlst du dich?“, fragte die Unbekannte und setzte sich auf die freie Seite des Betts. Kim ließ es zu.
„Wer sind Sie?“, wiederholte sie die unbeantwortete Frage.
„Ich habe dir schon vor Tagen gesagt, wie ich heiße. Weißt du das nicht mehr?“
Kim schüttelte den Kopf.
Vor Tagen? Wie lange war sie schon hier?
„Ich hatte nicht gedacht, dass es so schlimm ist.“
Die Unbekannte griff nach Kims Hand, langsam und vorsichtig. Kims Herz schlug schneller, doch sie begann zu hinterfragen, ob es aus Angst oder vor Aufregung war. Irgendetwas fühlte sich anders an als sonst. Von der Fremden ging ein ehrliches Lächeln und eine Zärtlichkeit aus, die sie bei niemandem sonst vorher wahrgenommen hatte.
Dann fuhren die Fingerspitzen der Fremden sanft über ihren Handrücken. Doch kaum hatte sie sich an das Gefühl gewöhnt, hatte die Frau ihre Hand schon wieder weggezogen und nach dem Tablett gegriffen, um es Kim zu reichen.
„Deine Familie hat sich nicht um dich gekümmert, Kim. Ich sehe das. Hier“, sie schob ihr das Tablett zu, „iss. Du musst zu Kräften kommen, sonst ist alles umsonst.“
Kim schaute der namenlosen Frau zu, wie sie ihr etwas Milch über das Müsli goss und ihr einen Löffel in die Hand drückte. Dann gab sie etwas Sahne in den Kaffee und gab ihr die Tasse in die freie Hand.
„Bitte, Kim. Du musst etwas essen.“
„Erst, wenn ich weiß, wer Sie sind.“
Die Frau schürzte kurz die Lippen, doch ihre Augen drückten keine Ungeduld aus, sondern pure Besorgnis.
„Du wirst dich nicht an mich erinnern. Sie haben dich zu lange unter Drogen gesetzt.“
„Scopolamin, ich weiß.“
Die Frau blinzelte.
„Woher?“
„Die Polizistin hat das gesagt, als die mich verhört haben.“
„Wegen Ashcroft, richtig?“
Kim nickte.
„Sie können dich nicht dafür belangen. Du kannst das nicht gewesen sein. Du würdest das nie tun! Er war ein Arschloch, ja. Aber du bringst doch niemanden um, weil er ein Arsch ist.“
Kim erinnerte sich an ihre Überzeugung, Victor Ashcrofts Mörderin zu sein. Sie hatte sich daran erinnert, den Baseballschläger in ihrer Hand gespürt, den toten Mann vor sich liegen sehen. Sie war es eindeutig, denn wie sonst sollte sie sich daran erinnern können? Außerdem war da die silberne Kette mit ihrem Namen gewesen…
Nachdenklich kaute sie auf ihrem Müsli, während sie alles und jeden in ihrem Umfeld zu hinterfragen begann – bis auf die Frau, die in eben diesem Moment vor ihr saß. Sie wusste nicht, warum sie sich fühlte, als wäre sie tatsächlich endlich zu Hause angekommen.
„Chiara“, sagte die Frau plötzlich. „Ich heiße Chiara. Aber das ist eh egal, weil du keine Ahnung hast, wer ich bin. Absolut gar keine. Alles wegen diesem Dreckszeug, das die dir gegeben haben.“
Chiara stand vom Bett auf und fuhr mit den Händen über ihr Gesicht.
Kim schluckte das Müsli herunter und fragte: „Wer sind ‚die‘?“
Chiara wandte sich ihr zu und schüttelte den Kopf. Ihr stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.
„Ich kann es dir nicht sagen. Das würde alles noch viel schlimmer machen. Erst musst du in Sicherheit sein.“
Dann ließ sie Kim allein im Bett zurück und verließ das Schlafzimmer. Kim konnte hören, wie sie in einer Tasche nach etwas zu suchen schien und als sie zurückkam, hielt Chiara etwas in die Luft.
„Vertraust du mir?“, fragte Chiara.
Kim sah die Tablettenpackung und ihr Magen verkrampfte sich.
Hatte die Polizei nicht überlegt, wer sie wann unter Drogen gesetzt haben konnte? Sollte sie dieser Fremden – sollte sie jetzt Chiara – vertrauen, obwohl sie sie erst ein paar Minuten tatsächlich kannte?
„Was ist das?“
Sie nahm die Panik in ihrer Stimme wahr, obwohl sie ganz normal hatte nachfragen wollen.
„Das hilft gegen die Aussetzer, die du hast“, sagte Chiara beruhigend. „Ich konnte dir bisher noch nichts davon geben, weil ich das nicht ohne deine Zustimmung tun will.“
Kim schaute auf die Packung, dann zu Chiara und wieder auf die Packung. Sie schluckte. Ihr Herz schlug schnell und kräftig gegen ihre Rippen.
Woher wusste diese Chiara, dass das Zeug helfen würde? Kim wollte nicht noch abhängiger gemacht werden, wollte nicht, dass sie noch mehr Kontrolle über ihr Leben verlor.
„Ich bin ehrlich, Kim“, sagte Chiara, als sie Kims inneren Kampf zu bemerken schien. „Donepezil ist ein gutes Mittel, um die Auswirkungen von Scopolamin auf deinen Kopf zeitweise in die Schranken zu weisen. Aber es hat auch Nebenwirkungen. Und es wird dich vermutlich nicht komplett heilen.“
„Woher weißt du das alles?“
„Das kann ich dir noch nicht sagen. Du wirst alles erfahren, wenn wir zu Hause sind, Kim. Bitte vertrau mir.“
Es klingt fast, als ob… als ob sie etwas damit zu tun hat, was man mir angetan hat. Will sie es auf diese Weise wiedergutmachen?
Chiara stiegen Tränen in die Augen. Kim spürte, dass diese Unterhaltung für sie anders lief, als sie es sich ausgemalt hatte.
„Du wirst wahrscheinlich nie wieder so sein, wie du mit 16 warst“, sagte Chiara mit erstickter Stimme. „Dafür haben sie dich zu lange kaputt gemacht. Aber du kannst ein einigermaßen normales Leben führen. Dafür braucht es aber mehr, als nur das hier.“ Sie deutete auf die Packung in ihrer Hand. „Es gibt bessere Möglichkeiten, aber die kann ich dir nicht erklären, wenn du mir nicht vertraust. Bitte, Kim. Ich will dir helfen, aber du musst mich lassen.“
Kim hörte das Flehen in Chiaras Stimme. Immer noch rasten ihr jene Gedanken durch den Kopf, wie es bei der Polizei geheißen hatte, sie wäre unter Drogen gesetzt worden und könnte wahrscheinlich noch immer unter Einfluss stehen. Hätte ihr der Arzt dort nicht ein Mittel gegeben, das alles unter Kontrolle bringt? Vorausgesetzt, es gab tatsächlich eins?
„Ich lege sie dir einfach hier hin, okay?“, sagte Chiara und legte die Packung auf das Bett. „Wenn du mir vertraust, nimm eine täglich. Sie stimulieren deine Aufmerksamkeit und halten dich im Hier und Jetzt. Wenn du die Aussetzer unter Kontrolle bringen möchtest, dann sind sie deine vorerst einzige Option.“
Dann verließ Chiara das Zimmer und begann, nebenan wieder in der Tasche zu wühlen.
Kim sah sich die Packung an, während sie ihr Frühstück zu sich nahm. Chiara zwang sie nicht, die Tabletten zu nehmen. Sie drängte sie nicht einmal dazu. Es war ganz allein ihre eigene Entscheidung. Sie war offen gewesen, dass es wohl Nebenwirkungen mit sich bringen würde, auch wenn sie nicht gesagt hatte, woraus diese bestehen würden.
Auf der anderen Seite kannte Kim Chiara nicht. Sie könnte es natürlich auch nur so aussehen lassen, als wäre es ihr egal und sie würde Kim die Entscheidung überlassen, um so dafür zu sorgen, dass sie sich freiwillig weiter unter Drogen setzte. Doch warum?
Kim nahm die Donepezil-Packung und schaute sie sich genauer an, machte sie auf und – wie von allein – löste eine Tablette aus dem Blister.
Was habe ich zu verlieren? Alles ist besser, als ständig diesen blutigen Baseballschläger in der Hand halten zu müssen.
Sie nahm das Glas Orangensaft vom Tablett, warf sich die Pille in den Mund und – bevor sie weiter darüber nachdachte – schluckte sie herunter…
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Ich warte bereits auf dich in den dunklen Schatten des nächsten Teils...
